Fachgespräch Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch

© Christine Fenzl

In einem dreistündigen Fachgespräch diskutierten am 26. Januar 2015 Gäste aus Politik und Fachwelt mit Expertinnen und Experten, die bereits praktische Erfahrungen bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen gesammelt hatten, zur geplanten Unabhängigen Aufarbeitungskommission.

Das Fachgespräch wurde gemeinsam vom Unabhängigen Beauftragen und des bei ihm angesiedelten Beirats durchgeführt. Die Moderation übernahmen Prof. Dr. Sabine Andresen und Matthias Katsch, Sprecherin und Sprecher der Beirats-Konzeptgruppe Aufarbeitung.

Insbesondere wurde der Vorschlag des Unabhängigen Beauftragten zu einer künftigen Aufarbeitungskommission kommentiert. Die Eckpunkte der Kommentare zu den Leitfragen sind im Folgenden zusammengefasst.

Leitfragen:

  • Was ist gut, was eher nicht, welche Aspekte fehlen in dem Konzeptvorschlag?
  • Haben Sie weitere Vorschläge zum methodischen Vorgehen?
  • Ist die vorgesehene Größe und Zusammensetzung der Kommission aus Ihrer Sicht sinnvoll?
  • Wie könnte Missbrauch im familiären Bereich gesamtgesellschaftlich aufgearbeitet werden?
  • Welche Prioritäten würden Sie im Hinblick auf die zunächst begrenzte Errichtungszeit setzen?

1. Was ist gut, was eher nicht, welche Aspekte fehlen in dem Konzeptvorschlag?

Zentral in der Diskussion war die (auch im parlamentarischen Antrag nicht vorgesehene gesetzliche) Verankerung der Kommission und die sich daraus ergebende Frage nach ihren Befugnissen. Dabei wurde betont, dass der Zugang zu Archiven, Akteneinsicht und die Möglichkeit Zeugen zu laden, geregelt sein müsse. Sonst wiederhole sich das Ohnmachtsgefühl der Betroffenen in einer ohnmächtigen Kommission.

Im Falle einer untergesetzlichen Verankerung der Kommission müssten deren Auftrag und Ziele sehr klar formuliert und damit auch deutlich begrenzt sein. Es müsse allen Beteiligten klar sein und auch klar kommuniziert werden, was realistisch möglich sei, wo aber auch Potenzial liegen. Davon ausgehend sollten dann Strategien entwickelt werden, wie Akteneinsicht und Zeugenladung zur Aufarbeitung gewährleistet werden könne.

Es stelle sich dabei die Frage, ob nicht auch Aufarbeitungsprozesse initiiert werden müssten, wenn Betroffene dies forderten, auch wenn die Institution sich nicht aufgeschlossen zeige.

2. Haben Sie weitere Vorschläge zum methodischen Vorgehen?

Die Kommission solle schwerpunktmäßig qualitative Interviews durchführen, um den Betroffenen individuelle Erzählungen zu ermöglichen. Aktenanalysen und quantitative Erhebungen seien im Sinne der methodischen Triangulation ergänzende methodische Quellen. Die befragten Personen sollten ausreichend Gelegenheit bekommen, ihre erlebte Wahrheit zu erzählen. Damit werde der Weg geöffnet, auch sehr unterschiedliche Erinnerungen und Wahrnehmungen als gleichweise legitime Perspektiven zu akzeptieren.

Damit stelle sich auch die Frage der psychosozialen Begleitung von Anhörungen. Es wurde sich dabei für dezentrale Anhörungen und die Einbindung der Netzwerke vor Ort ausgesprochen und angeregt, dem irischen Beispiel mit der Einteilung in einen Vertrauensausschuss und einen Untersuchungsausschuss zu folgen. Ganz wichtig sei es, Betroffene zu ermutigen, Ihre Geschichte zu erzählen und dabei auch Selbstorganisation (Empowerment) zu ermöglichen. Die Kommission sei zwar unabhängig, aber es gehe grundsätzlich um die Stärkung der Rechte von Betroffenen, insofern sei eine Parteilichkeit (für Betroffene) durchaus gegeben.

Sehr deutlich wurden zudem die heterogenen Hintergründe von Betroffenen und die vielfältigen Tatorte problematisiert. Es sei gut abzuwägen, wer an welcher Stelle die Themen setze, die von der Kommission untersucht werden sollen, um einerseits nicht Zeit zu verlieren, und andererseits nicht die Unabhängigkeit der Kommission einzuschränken. Hier solle beachtet werden, dass es keine Ausblendung von Betroffenengruppen geben dürfe, z.B. aus DDR-Heimen oder Betroffene mit Behinderungen und Beeinträchtigungen sowie aus armen oder sozialschwachen Kontexten. Es müsse gelingen umfassende Zugänge zu schaffen, um damit auch zu Befunden über andere Milieus als die der akademischen Mittelschichtsbias zu gelangen.

Als besondere (wissenschaftliche) Herausforderung stelle sich die Kontextualisierung dar. Die einzelnen Geschichten sollten ihren Raum haben, aber sie müssten dann in größere Zusammenhänge gestellt werden. Die Grenzverletzungen müssten historisch kontextualisiert werden, um herauszuarbeiten, warum sie nicht thematisiert oder sogar normalisiert wurden.

Auch die Rekonstruktion verpasster Chancen sei wichtig. Zu untersuchen sei, warum Informationen über Missbrauch, „offene Geheimnisse“, sogar juristische Interventionen nicht zu einer systematischen innerinstitutionellen Bearbeitung und strukturellen Konsequenzen geführt hätten.
Empfehlenswert sei die Trennung zwischen Entschädigungsfragen und einer intensiven Rekonstruktion von Biographien und Erfahrungen der Betroffenen.

Die Aufarbeitungskommission habe sicher zu stellen, dass die Ergebnisse der Erforschung und Aufarbeitung prinzipiell öffentlich sind.

3. Ist die vorgesehene Größe und Zusammensetzung der Kommission aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Hier wurden zusätzlich zu den im zur Diskussion gestellten Vorschlag aufgeführten wissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Kontexten (z.B. Geschichts-, Rechts-, Erziehungswissenschaften, Psychologie, Fachberatung) folgende Kompetenzanforderungen ergänzt:

  • Interdisziplinarität
  • Fachkompetenz zum Thema Missbrauch
  • Fachleute für Organisationsanalyse und -entwicklung (Schwachstellenanalyse)
  • Traumaspezialisten
  • Expertise in Jugendhilfe

4. Wie könnte Missbrauch im familiären Bereich gesamtgesellschaftlich aufgearbeitet werden?

Zur Aufarbeitung von Missbrauch in der Familie wurde vorgeschlagen im Rahmen eines Forschungsprojekts u.a. Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft einzusehen sowie auch familiengerichtliche oder jugendbehördliche Akten zu untersuchen.

5. Welche Prioritäten würden Sie im Hinblick auf die zunächst begrenzte Errichtungszeit setzen?

Die Kommission zielt insgesamt auf die Veränderung des gesellschaftlichen Diskurses, auf Sensibilisierung für die Verletzlichkeit von Kindern und Jugendlichen durch Grenzüberschreitung und sexuelle Gewalt ab. Wesentliches Ziel ist es, die Verletztheit von Betroffenen durch die Gewalterfahrungen, aber auch durch das Ausblenden, Wegsehen, Schweigen sichtbar zu machen und anzuerkennen. Betont wurde die Bedeutung der Aufarbeitungserkenntnisse für die Gegenwart, Aufarbeitung sei die beste Prävention.

Es wurde angemerkt, dass für den bislang angedachten Zeitraum das „Modul“ Erinnerung eventuell nicht realisierbar sei, es dazu mehr Zeit brauche. Nicht gewünscht seien formelhafte Entschuldigungen vor dem Aufarbeitungsprozess. Diese könnten eher zu Retraumatisierungen führen. So bleibe die Frage, wie eine authentische, glaubwürdige, wirksame Bearbeitung von institutioneller und individueller Schuld aussehen könne.

Sonstiges

Eine Historisierung verbunden mit der Konstruktion „Missbrauchsskandal 2010“ sei zukünftig zu vermeiden. Wichtig sei, dass es Aufarbeitung und Beschäftigung mit dem Themenfeld Kindesmissbrauch schon vor 2010 gegeben habe. Dies dürfe nicht ausgeblendet werden.

Es wurde angeregt, stattgefundene Aufarbeitungsprojekte zu evaluieren und einen Leitfaden/Handbuch über bewährte Aufarbeitungswege zu erstellen. Diese seien regelmäßig weiter zu entwickeln, um neues Erfahrungswissen einzubeziehen.

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