Statement des Betroffenenrates zur Gründung des Nationalen Rates

Der Betroffenenrat begrüßt, dass mit dem Nationalen Rat eine konzentrierte, gesamtgesellschaftliche Anstrengung unternommen wird, den Kampf gegen sexualisierte Gewalt und den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt  in den Mittelpunkt gemeinsamen Handelns zu stellen. Dabei wird eine starke Betroffenenbeteiligung mit fachlicher Expertise und Erfahrungswissen von Beginn an in allen Prozessen einbezogen. Dies ist ein deutliches, wertschätzendes und zukunftweisendes Zeichen.  Für alle Betroffene wird dadurch ein Stück mehr an gesellschaftlichen Bo-den bereitet für mehr Gehör, mehr Sichtbarkeit und mehr MitSprache.

Nach erfahrener sexualisierter Gewalt benötigen Betroffene ein unterstützendes Umfeld, schnelle professionelle Intervention und Hilfen, so langfristig wie nötig. Doch die meisten spezialisierten Fachberatungsstellen sind noch immer nicht ausreichend finanziell abgesichert – es fehlt an einer flächendeckenden und wohnortnahen psychosozialen Versorgung.

Noch immer bieten viel zu selten nahe Bezugspersonen, die Familie, das soziale Umfeld, Institutionen, die Rechtspraxis und die Gesellschaft betroffenen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Chancen des Sprechens und Ausbrechens. Bei Aufdeckung sind Betroffene häufig zusätzlich und zumeist allein mit aktiver Vertuschung, Leugnung, Bagatellisieren, Pathologisierung der Folgen und auch Behördenversagen konfrontiert. Für Betroffene zusätzlich schwer belastend, kräftezehrend, zermürbend…, weil sie das Schweigen brechen.

Damit Prävention und Intervention gelingen kann, braucht es regelmäßige, altersspezifische Präventionsangebote in jeder Schule und Kita. Schutzkonzepte müssen verpflichtend in allen Einrichtungen verankert werden, in denen Kinder und Jugendliche unterrichtet und betreut werden, oder ihre Freizeit verbringen. Das muss ein wesentliches Ziel unserer gemeinsamen Arbeit sein.

Wir setzen durch die Arbeit des Nationalen Rates auf ein gestärktes konsequentes und weitreichendes Handeln – eine nationale aber auch länderspezifische Strategie, mit dem Ziel, am Bedarf Betroffener orientiert in flächendeckende Unterstützung und Hilfen zu investieren, aber auch in Ausbildung und Qualifizierung von pädagogischen Fachkräften, Ehrenamtliche in der Kinder- und Jugendarbeit, Familienrichter_innen, Gutachter_innen und Ermittlungsbehörden.

Für Betroffene geht es um Zukunftschancen. Studien belegen die massiven gesundheitlichen Folgen oft jahrelanger sexualisierter Gewalt für die Betroffenen: seelisch wie auch körperlich. Zukunftsperspektiven für Betroffene muss heißen, künftig besser sicherzustellen, dass Hilfen so geleistet werden, dass die lebenslangen sozialen und gesundheitlichen Folgen für Betroffene reduziert werden: Es braucht endlich eine betroffenenzentrierte medizinische Forschung, die die Fakten liefert, die dann auch gesundheitspolitisch umgesetzt werden müssen, über konkrete Leistungen der Krankenkassen oder der ergänzenden Hilfen. 
Solch eine traumazentrierte medizinische Versorgung eröffnet Betroffenen Zukunftschancen und verhindert Opferstigmatisierung.

„Kindgerechte Justiz“ ist in weiten Teilen bisher eine Utopie, trotz aller geleisteter Anstrengungen. Und: Sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen ist trotz Verbesserungen im Strafgesetzbuch und der Strafprozessordnung für Täter und Täterinnen noch immer eines der sichersten Verbrechen. Über zwei Drittel der Verfahren werden eingestellt, viel zu selten wird aus unserer Sicht der Strafrahmen ausgeschöpft. Dazu dauern die Verfahren für Betroffene oft unsäglich lang, drei bis fünf Jahre sind keine Seltenheit. Es fehlen Schwerpunktstaatsanwaltschaften und Kompetenzzentren, die schnellere Verfahren möglich machen. Aber auch die systematische Evaluation der Rechtspraxis in den Ländern ist für den Betroffenenrat eine wesentliche Forderung, um künftig gezielt verbesserte Rahmenbedingungen entwickeln zu können. All dies sind Themen, von denen wir uns wünschen, dass sie in der Arbeitsgruppe „Kindgerechte Justiz“ mit aufgegriffen werden.

In diesem Sinne freut sich der Betroffenenrat, dass mit der Einbindung Betroffener in den Nationalen Rat heute erstmals ein konsequent partizipativer Weg gefunden wurde, die vielen Herausforderungen 
anzugehen. Und wir danken Ihnen Ministerin Giffey, dass Sie dieses Thema immer wieder zu einem Mittelpunkt Ihrer Arbeit machen. Das Risiko für Kinder und Jugendliche ist auch heute ungebrochen hoch und wir Betroffenen können ermessen, wie immens die lebenslangen Folgen sind und sein können. Es braucht die Anstrengung Aller, um Kinder und Jugendliche künftig besser zu schützen. Und es braucht die Anstrengungen Aller, um Strukturen zu schaffen, in denen Betroffene gut und förderlich begleitet werden, damit frühzeitig Hilfen ansetzen können und so Traumafolgen reduziert werden. All dies muss unser gemeinsames Ziel sein. Und das heißt dann auch, dass wenn der Nationale Rat seine Ergebnisse vorlegt, wir alle uns dann auch gemeinsam für die Um-setzung gesellschaftspolitisch stark machen müssen.

Hier möchten wir, der Betroffenenrat, Sie, Frau Bundesministerin Giffey stellvertretend für die Bundesregierung, schon heute in die Pflicht nehmen: Dieser Nationale Rat braucht die klare Unterstützung aller involvierter Ministerien, damit wir am Ende nicht nur besser WISSEN, was getan werden sollte, sondern damit es endlich auch getan wird.

In diesem Video können Sie sich die Pressekonferenz zur Konstituierung des Nationalen Rates ansehen.

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Rede von Tamara Luding bei der Gründung des Nationalen Rates

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