Der Betroffenenrat

Aktuell

Mit der dauerhaften Einrichtung des Amtes einer oder eines Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs wurde durch das Bundeskabinett im Dezember 2018 auch die Tätigkeit des Betroffenenrates verstetigt.

Das Bewerbungsverfahren für den neu zu konstituierenden Betroffenenrat startete am 21. Oktober 2019. Bis zum 9. Dezember 2019 gingen über 200 Bewerbungen ein, die aktuell durch das Auswahlgremium gesichtet werden. Es setzt sich zusammen aus dem Unabhängigen Beauftragten, einer Vertreterin des UBSKM-Arbeitsstabes, zwei von den Mitgliedern des amtierenden Betroffenenrates benannten Betroffenen (die jedoch keine Mitglieder des Betroffenenrates sind) und einer Vertreterin des BMFSFJ.

Mitglieder des Auswahlgremiums sind:

  • Herr Rörig, UBSKM,
  • Frau Hiller, Leiterin des Geschäftsbereiches „Rechtsfragen, Hilfen, Betroffenenrat“ im UBSKM-Arbeitsstab, 
  • Frau Hornschild, Leiterin des zuständigen Fachreferates im BMFSFJ
  • Frau Weber, Trauma Hilfe Zentrum München e. V. und 
  • Herr Schlingmann, Tauwetter e.V., Anlaufstelle für Männer* die in Kindheit oder Jugend sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren.

Voraussichtlich im März werden Auswahlgespräche in Berlin stattfinden. Angestrebt wird eine Berufung des neuen Betroffenenrates durch Frau Bundesministerin Giffey bis zum Sommer 2020.

Wer wir sind

Der Betroffenenrat ist ein politisches Gremium, das sich im März 2015 konstituiert hat. Die aktuell elf Mitglieder des Betroffenenrats haben alle selbst sexualisierte Gewalt in den unterschiedlichsten Kontexten erlebt und arbeiten seit Jahren auch beruflich und/oder ehrenamtlich zu diesem Thema. Dadurch verfügt jede_r Einzelne neben individuellem Erfahrungswissen auch über spezifisches Expertenwissen.

Die Mitglieder des Betroffenenrats arbeiten ehrenamtlich. Der Schwerpunkt liegt in der politischen Arbeit, das heißt zum Beispiel im Verfassen von Stellungnahmen zu spezifischen Themen, öffentlich oder als Briefe an die betreffenden Personen, oder in beratenden Tätigkeiten (z. B. bei der Initiative Safe Sport oder der Erstellung der S3 Richtlinie zum Kinderschutz).

Die Belange möglichst vieler Betroffener sollen dadurch auch auf Bundesebene Gehör finden und öffentlich gemacht werden.


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Mitglieder Betroffenenrat

(Stand: September 2019)

in alphabetischer Reihenfolge:

Renate Bühn

(Jahrgang 1962, Bremen), Diplom-Sozialpädagogin, Bildungsreferentin, Künstlerin, seit 1986 in politischer Selbsthilfe und Prävention aktiv. 1986 Mitgründerin der ersten Selbsthilfegruppe Darmstadt; 1987–1994 Vereinsgründung und Aufbau der Beratungsstelle Wildwasser Darmstadt. 1990 Gründung der Namenlos-Schriftenreihe zur Selbsthilfe – erstes bundesweites Forum für betroffene Frauen, um als Expertinnen sichtbar zu werden. Seit 2001 künstlerische Auseinandersetzung zu sexualisierter Gewalterfahrung von Mädchen*, Jungen* und Frauen* – gegen Täter_innenschutz. Bildungsreferentin für gender- und diversitybewusste Gewaltprävention.

„Das Ausmaß von sexualisierter Gewalt ist seit Jahrzehnten unverändert hoch. Ich engagiere mich im Betroffenenrat, um aus Sicht 30-jähriger feministischer Fachkompetenz und Erfahrung zum Thema gemeinsam mit anderen Betroffenen Forderungen und gesellschaftliche Strategien zu erarbeiten, die grundlegend Ursachen, Ausmaß und Dunkelziffer in den Blick nehmen. Es braucht endlich eine Kultur der Aufmerksamkeit und eine Politik, die dem Ausmaß entsprechend in Prävention, Unterstützung und Hilfe für Betroffenen, in Fachberatungsstellen und in Aufarbeitung investiert.“

www.renatebuehn.de

Kerstin Claus

(Jahrgang 1969, Rheinland-Pfalz), Journalistin, Fulbright Stipendiatin. Anzeige sexuellen Missbrauchs 2003 (Evangelische Landeskirche Bayern), ohne Ergebnis. 2010 Veröffentlichung der Vorwürfe. Dann jahrelange, zähe Verhandlungen mit letztlich unzureichendem Ausgang. Sie fordert endlich transparente und verbindliche Strukturen für Aufarbeitung im institutionellen Bereich ein. Im Betroffenenrat ist sie die Fachfrau für das Opferentschädigungsrecht (OEG) und das Ergänzende Hilfesystem (EHS). Hier macht sie sich auf allen politischen Ebenen für Verbesserungen stark, damit Betroffene sexualisierter Gewalt künftig einen schnelleren Zugang zu den dringend notwendigen Leistungen ermöglicht wird, zum Beispiel im Bereich der Therapie oder auch der beruflichen Rehabilitation.

„Ja, wir haben eine Vergangenheit, eine in Teilen entsetzliche Vergangenheit dazu. Dies müssen wir, dies muss auch die Gesellschaft lernen, auszuhalten. Wenn wir endlich gemeinsam in die Zukunft schauen wollen, dann sollten wir anerkennen, dass uns Betroffenen ein großes Stück Kindheit und Jugend geraubt wurde. Dass es also nichts mit Almosen zu tun hat, sondern mit Gerechtigkeit, wenn staatliche Modelle der Entschädigung Betroffenen endlich tatsächlich Perspektiven und Möglichkeiten der individuellen Zukunftsgestaltung ermöglichen.“

Sonja Howard

Sonja Howard (Jahrgang 1988) ist Mutter von 4 Kindern und studiert Nachhaltige Sozialpolitik. Ihre Themen im Betroffenenrat sind sexuelle Gewalt im familiären Bereich, Freikirchen und Sekten, die häufige Mehrfachbelastung von Betroffenen durch körperliche und seelische Gewalt, sowie geistig-spirituellen Missbrauch. Als Referentin in Schulen, Kindergärten und Fachberatungsstellen macht sie sich stark für eine frühe, umfassende und kindgerechte Aufklärung.

Sie setzt sich auch dafür ein, dass die Themen Missbrauch und Traumafolgestörungen zwingender Bestandteil sämtlicher Kind-bezogener Ausbildungen werden, denn: „Jeder, der mit Kindern arbeitet, kennt auch Betroffene und muss wissen, wie man sie erkennt und wie man ihnen helfen kann.“ Aus eigener Erfahrung weiß sie: „Auf der einen Seite braucht es eine Entstigmatisierung von Betroffenen – niemand würde auf die Idee kommen, ein Opfer eines Autounfalls zu stigmatisieren – und auf der anderen Seite braucht es eine grundsätzliche Anerkennung des erlittenen Unrechts in Form von unbürokratischen, schnellen und individuellen Hilfen, damit jede*r Betroffene ihr_sein Leben so gestalten kann, dass die Folgen weitestgehend gelindert werden können.“

Dorina Kolbe

(Jahrgang 1971, Niedersachsen), Kaufmännische Angestellte, politische Aktivistin, Blogprojekt ichhabeangezeigt.org. Dorina Kolbe ist Mitglied im Beirat des Projektes „Schutz vor sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Sport: Prävention, Intervention, Handlungskompetenz" beim LandesSportBund (LSB) Niedersachsen e. V.

„Als Betroffene bringe ich meine Erfahrungen mit dem Gesundheits-, Straf- und Entschädigungsrecht in den politischen Prozess ein. Ich nutze alle sich bietenden Möglichkeiten der Einflussnahme, um Aufklärungsarbeit zu leisten und die Interessen von Betroffenen zu thematisieren sowie durchzusetzen. Vor allem liegt mir die Unterstützung und Entschädigung von Betroffenen für eine optimale gesundheitliche Versorgung als Voraussetzung für eine Verbesserung der individuellen Lebensqualität am Herzen.“

Claas Löppmann

(Jahrgang 1988, Niedersachsen), pädagogische Leitung der Kindertagesstätten der Stadt Walsrode, staatlich anerkannter Erzieher, Pädagogik der Kindheit M. A., macht sich stark für die flächendeckende Etablierung von Schutzkonzepten in pädagogischen Einrichtungen sowie für die Verankerung von Wissen zu und Strategien gegen sexualisierte Gewalt in Ausbildung und Studium pädagogischer Fachkräfte.

„Ich profitiere von der Kombination aus fachlichem Hintergrundwissen sowie die eigenen Erfahrungen, um Menschen in pädagogischen Kontexten stark zu machen, sich sexuellem Missbrauch aktiv entgegenzustellen.“

Tamara Luding

(Jahrgang 1977, Bayern), Kinderkrankenschwester, Erzieherin, Traumapädagogin, Referentin für den Bereich Vernetzung der BKSF – Bundeskoordinierungsstelle spezialisierter Fachberatung zum Thema sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend, Initiatorin und Vorstandsfrau des Vereins „Schutzhöhle e. V. – Verein zur Aufklärung und Prävention von sexuellem Missbrauch an Kindern“. Sie arbeitet seit vielen Jahren zum Thema sexualisierter Gewalt. Sie hat sich dem Auf- und Ausbau spezialisierter Fachberatungsstellen für Betroffene verschrieben, nebenberuflich berät sie Betroffene, entwickelt Präventionsprojekte für Kindergärten und Schulen und referiert vor Fachkräften aus Pädagogik, Psychologie, Medizin und Justiz. Sie ist außerdem Mitbegründerin des „Netzwerks gegen sexuelle Gewalt für Hochfranken, Vogtlandkreis und Thüringen" und war in der ersten Phase ständiger Gast der Aufarbeitungskommission.

„Meine beiden Hauptanliegen sind die Finanzierung der Fachberatungsstellen und das Implementieren des Themas in die Ausbildung für pädagogische Fachkräfte. In der Mitarbeit im Betroffenenrat sehe ich eine große Chance diese beiden wichtigen Aspekte weiter voranzutreiben.“

www.bundeskoordinierung.de

www.schutzhoehle.de

Wibke Müller

(Jahrgang 1982, Berlin/Freiburg), Politikwissenschaftlerin, aktuell wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin an der Universität Freiburg. Mitorganisatorin des bundesweiten Betroffenen-Kongresses „Aus unserer Sicht“ im Jahr 2010. Seit 2009 ehrenamtliche Tätigkeit für Wildwasser Berlin e. V. Seit 2011 Vorstandfrau von Wildwasser Berlin e. V.

„Sexualisierte Gewalt gegen Kinder ist eine Menschenrechtsverletzung. Wir müssen gesellschaftliche Strukturen analysieren und hinterfragen, die einen – auch über sexuelle Gewalt ausgelebten – Machtmissbrauch Kindern gegenüber ermöglichen und verdecken. Die Regelfinanzierung der Fachberatungsstellen, flächendeckende Präventions- und Interventionsmaßnahmen und eine kritische Forschung, die Machtmissbrauch in den Fokus nimmt, sind mir besondere Anliegen. Ich möchte dazu beitragen, dass das Thema nicht erneut von der politischen Agenda verschwindet. Dazu brauchen wir auch internationale Vernetzung und Bündnisse, um voneinander zu lernen, denn sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige ist ein globales Thema.“

http://www.wildwasser-berlin.de/

Jürgen Wolfgang Stein

(Jahrgang 1953, Sachsen-Anhalt), M. A., im Saarland aufgewachsen. Nach dem Abitur folgten Fachhochschulstudium mit Abschluss als Diplom-Verwaltungswirt und Universitätsstudium zum Magister Artium (M. A.) in Psychologie und Pädagogik sowie eine Weiterbildung in Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (Gestalttherapie). Über 40 Jahre lang arbeitete Jürgen Wolfgang Stein als Beamter, zunächst im Dienst des Bundes, dann für seine Heimatstadt Neunkirchen/Saar (zuletzt Leiter der Jugendhilfe) und nach der Wende für das Land Sachsen-Anhalt im Sozialministerium. Er hat ehrenamtlich über 15.000 Stunden meistens in führenden Positionen geleistet, etwa von 1994 bis 2006 als Gründungsvorsitzender des Deutschen Kinderschutzbundes, Landesverband Sachsen-Anhalt e. V., und er ist engagiertes Mitglied von Mensa in Deutschland (Gründungs-LocSec Sachsen-Anhalt). Seine Themen sind die Widerstandskraft (Resilienz) und posttraumatisches Wachstum.

„Expertenwissen bleibt unvollkommen ohne Erfahrungswissen. In Kindheit und Jugend habe ich Kräfte entwickelt, die ich zum Schutz von Kindern vor sexueller Gewalt einsetze. Entschieden gegen Missbrauch.“

Alex Stern

(keine Altersangabe, Nordrhein-Westfalen), M. A. Erziehungswissenschaft, ist das jüngste Mitglied im Betroffenenrat und befasst sich seit Jahren (nicht nur) ehrenamtlich mit den Themen Macht und Verantwortung. Im Betroffenenrat arbeitet Alex Stern vorwiegend zu Organisierter Kriminalität und Ritueller Gewalt, zu Forschung sowie u. a. zur gesundheitlichen Versorgung erwachsener Gewalterfahrener.

„Ich halte es für dringend notwendig, dass sich der gesellschaftliche Umgang mit (komplex) traumatisierten Menschen verändert. Dazu möchte ich im Rahmen meiner Mitgliedschaft im Betroffenenbeirat beitragen.“

Corinna Thalheim

(Jahrgang 1967, Sachsen), Betroffene der Heimerziehung der DDR (Jugendwerkhof), Vorstandsvorsitzende der Betroffeneninitiative „Missbrauch in DDR-Heimen“ e. V., Gremiumsmitglied „Ergänzendes Hilfesystem Fonds sexueller Missbrauch“ (EHS-FSM), Gruppenleiterin der bundesweit einzigen Selbsthilfegruppe für sexuellen Missbrauch in DDR- Heimen „Verbogene-Seelen“.

„Mein Anliegen ist es, dass sexueller Missbrauch kein Tabu mehr ist, Aufklärung und Aufarbeitung sind mein Ziel.“

www.betroffeneninitiative-torgau.de

Hjördis E. Wirth

(Jahrgang 1960, Berlin), Pädagogin, Unterstützerin des Vereins Lichtstrahlen Oldenburg e. V. und Administratorin des dazugehörigen Forums. Sie setzt sich für die Aufklärung, Öffentlichkeitsarbeit und Unterstützung Opfer ritueller und/oder organisierter sexualisierter Gewalt ein, welche mit den Folgen der schweren Traumatisierungen (u. a. dissoziative Störungen) zu kämpfen haben und deren Glaubwürdigkeit oftmals infrage gestellt wird. Als ständiger Gast wirkt sie in der „Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs" mit.

„Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt an Kindern und die aufrichtige Anerkennung des Leids der Betroffenen ist der Grundstein jeder Prävention. Ich habe die Hoffnung, dass wir als Betroffene mit unserem Wissen und unseren Erfahrungen dazu beitragen können, dass tatsächlich gesellschaftliche Veränderungen angebahnt werden.“

www.lichtstrahlen-oldenburg.de/lichtstrahlen

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