Der Betroffenenrat

© Christine Fenzl Der Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs

Wer wir sind

Der Betroffenenrat ist ein politisches Gremium, das sich im März 2015 konstituiert hat. Die aktuell 14 Mitglieder des Betroffenenrats haben alle selbst sexualisierte Gewalt in den unterschiedlichsten Kontexten erlebt und arbeiten seit Jahren auch beruflich und/oder ehrenamtlich zu diesem Thema. Dadurch verfügt jede_r Einzelne neben individuellem Erfahrungswissen auch über spezifisches Expertenwissen.

Die Mitglieder des Betroffenenrats arbeiten ehrenamtlich. Der Schwerpunkt liegt in der politischen Arbeit, das heißt zum Beispiel im Verfassen von Stellungnahmen zu spezifischen Themen, öffentlich oder als Briefe an die betreffenden Personen, oder in beratenden Tätigkeiten (z. B. bei der Initiative Safe Sport oder der Erstellung der S3 Richtlinie zum Kinderschutz).

Die Belange möglichst vieler Betroffener sollen dadurch auch auf Bundesebene Gehör finden und öffentlich gemacht werden.

Darüber hinaus findet eine enge Zusammenarbeit mit dem Beirat des Unabhängigen Beauftragten über eine Mitarbeit in den Konzeptgruppen und die Teilnahme an den Plenumssitzungen statt.

Der Betroffenenrat tagt circa fünfmal jährlich in Berlin, befindet sich aber natürlich auch die übrige Zeit, zum Beispiel über die Arbeitsgruppen und die Konzeptgruppen des Beirats beim Unabhängigen Beauftragten, in regem Austausch.


Für die Inhalte des Menübereichs „Betroffenenrat" ist der Betroffenenrat verantwortlich.

Mitglieder Betroffenenrat

(Stand: 04.10.2016)

in alphabetischer Reihenfolge:

Catharina Beuster

(Jahrgang 1984, Berlin), geboren in Schleswig-Holstein; Erziehungs- wissenschaftlerin (B. A.), Mediatorin und zurzeit Master-Studierende der Erwachsenenbildung. Motiviert durch ihre eigene Geschichte verfasste Frau Beuster ihre Abschlussarbeit zum Thema „Prävention und Aufklärung sexuellen Missbrauchs in pädagogischen Institutionen“. Auch aus ihrer Berufspraxis heraus formuliert sie die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit institutionellen Strukturen für einen verbesserten Kinderschutz. Sie gehört keiner Organisation an und möchte im Betroffenenrat auf die Vielfalt von Erfahrungen, Ideen und Anregungen Einzelner zur Prävention und Aufklärung sexueller Gewalt aufmerksam machen.

Beuster: „Ganz konkret möchte ich erreichen, dass das Thema sexueller Missbrauch in Abhängigkeitsverhältnissen nicht mehr vom Tisch verschwindet, sondern durch die aktive Mitarbeit vieler Betroffener eine präventive, gesamtgesellschaftliche Haltung entsteht, in der Erwachsene Kenntnis und vor allem Know-how zum Umgang mit Prävention und Intervention haben. Damit Sprechen wirklich hilft.

Renate Bühn

(Jahrgang 1962, Bremen), Diplom-Sozialpädagogin, Bildungsreferentin, Künstlerin, seit 30 Jahren in politischer Selbsthilfe und Prävention aktiv. 1985 Mitgründerin der ersten Selbsthilfegruppe Darmstadt; 1987–1994 Vereinsgründung und Aufbau der Beratungsstelle Wildwasser Darmstadt. 1990 Gründung der Namenlos-Schriftenreihe zur Selbsthilfe – erstes bundesweites Forum für betroffene Frauen, um als Expertinnen sichtbar zu werden. Seit 2001 Aufbau der Wanderausstellung „Was sehen Sie, Frau Lot?" – eine künstlerische Auseinander- setzung zu sexualisierter Gewalterfahrung von Mädchen, Jungen und Frauen – gegen Täterschutz. Bildungsreferentin für geschlechterreflektierende Gewaltprävention mit jugendlichen Mädchen sowie Qualifizierung von MultiplikatorInnen zu Gender, Diversity, direkte und strukturelle Gewalt.

Bühn: „Wir blicken nicht auf einen fünf-, sondern 30-jährigen Missbrauchsskandal zurück. Ich möchte im Betroffenenrat mitwirken, um aus Sicht 30-jähriger feministischer Fachkompetenz und Erfahrung zum Thema gemeinsam mit anderen Betroffenen Forderungen und gesellschaftliche Strategien zu erarbeiten, die grundlegend Ursachen, Ausmaß und Dunkelziffer in den Blick nehmen. Präventionskonzepte müssen in Schulen und Ausbildung verankert, Schutz und Unterstützung für
Betroffene nachhaltig in den Mittelpunkt gestellt werden.

www.renatebuehn.de, www.frau-lot.de

Kerstin Claus

(Jahrgang 1969, Rheinland-Pfalz), Journalistin (M. A.), Studium an der Ludwig- Maximilians-Universität (LMU) München (Neue deutsche Literatur, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Deutsch als Fremdsprache) und Syracuse University (broadcast journalism, M.S. - Fulbright Stipendium). Anzeige sexuellen Missbrauchs 2003 (Evangelische Landeskirche Bayern), ohne Ergebnis. 2010 Veröffentlichung der Vorwürfe. Dann jahrelange, zähe Verhandlungen mit letztlich unzureichendem Ausgang.

Claus: „Die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs muss opferorientiert und transparent werden. Dies kann nur eine unabhängige, institutionsferne Kommission leisten, deren Befugnissen sich auch Institutionen beugen müssen. Für eine solche starke Aufarbeitungskommission möchte ich mich einsetzen. Ein weiterer Fokus ist die Verbesserung der Verfahren im Rahmen des sozialen Entschädigungsrechts (OEG/BVG) für Opfer sexuellen Missbrauchs sowie die Sicherung des Leistungsspektrums auch für die Zukunft.

Sonja Jetter

(Jahrgang 1988, Baden-Württemberg), Mutter von 3 Kindern, ist leidenschaftliche Friedensaktivistin im Nahost-Konflikt und arbeitet mit Flüchtlingen. Sie war von familiärem Missbrauch mit streng religiösem Hintergrund in ihrer Kindheit betroffen und möchte Betroffene ermutigen, offen über das Geschehene zu sprechen.

Jetter: „Niemand schämt sich, wenn er Opfer eines Autounfalls wurde. Wieso also, wenn man Opfer von Missbrauch wurde? Diese Scham und das Schweigen sind der Nährboden für weitere Taten, deshalb ist es unsere Pflicht, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Und auch gerade als Betroffene(r) hat man jedes Recht, sein weiteres Leben in vollen Zügen zu genießen. Niemand muss in der Opferrolle verharren.

Matthias Katsch

(Jahrgang 1963, Berlin/Baden-Württemberg), M. A., EMBA, Studium von Philosophie und Politik. In den 70er Jahren wurde er als Schüler der Berliner Jesuitenschule Canisius-Kolleg Opfer der beiden dortigen Haupttäter. Zusammen mit anderen Betroffenen gründete Katsch im Frühjahr 2010 die Initiative ECKIGER TISCH. 2010/2011 setzte er sich am Runden Tisch „Sexueller Missbrauch“ für Hilfen und Entschädigungen für Betroffene ein. Im Beirat des UBSKM engagierte er sich besonders für die Aufarbeitung sexueller Gewalt. Als ständiger Gast wirkt er in der 2016 berufenen "Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs" mit. Katsch ist beruflich als Managementtrainer und Berater in betrieblichen Veränderungsprozessen tätig.

Katsch: „Aufarbeitung, Hilfe und Genugtuung, darum geht es mir seit 2010: Ohne Aufarbeitung der strukturellen Bedingungen, unter denen sexuelle Gewalt geschah und immer noch geschieht, wird uns keine nachhaltige Prävention gelingen. Hilfen und Entschädigung für Betroffene sind nicht nur gerecht. Wirksamer Kinderschutz braucht Verbindlichkeit, Genugtuung für die Opfer schafft dafür Anreize.

www.eckiger-tisch.de

Adrian Koerfer

(Jahrgang 1955, Hessen), Verlagsbuchhändler, Germanist und Kunsthistoriker (M.A.), Kulturschaffender. Von 2010 bis zum 31.12. 2015 Gründungsvorsitzender von "Glasbrechen e.V. - Für die Opfer pädosexueller Verbrechen an der Odenwaldschule". Bis zum 30. 04. 2016 Gründungsmitglied im Betroffenenbeirat beim EHS/FSM. Mitglied der Konzeptgruppe OEG im Betroffenenrat.

Koerfer: „Die Mitarbeit im Betroffenenrat ist mir aus zweierlei Gründen sehr wichtig: zum einen möchte ich die höchst wertvolle Arbeit des Stabes um den UBSKM auch weiterhin unterstützen, zum anderen geht es darum, den Opfern sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend politisch vermehrt Gehör zu verschaffen und damit das Thema auch im Sinne einer erfolgreichen Präventionsarbeit im Bewusstsein der Gesellschaft ein für alle Mal zu verankern.

Dorina Kolbe

(Jahrgang 1971, Niedersachsen): kaufmännische Angestellte, politische Aktivistin, Bloggerin und Netzaktivistin, begeisterte Fotografin und Pilgerin. Sie ist Mitglied im Beirat des Projektes "Schutz vor sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Sport: Prävention, Intervention, Handlungskompetenz" beim LandesSportBund (LSB) Niedersachsen e.V.

Kolbe: „Als Betroffene bringe ich meine Erfahrungen mit dem Gesundheits-, Straf- und Entschädigungsrecht in den politischen Prozess ein. Ich nutze alle sich bietenden Möglichkeiten der Einflussnahme, um Aufklärungsarbeit zu leisten und die Interessen von Betroffenen zu thematisieren sowie durchzusetzen. Vor allem liegt mir die Unterstützung und Entschädigung von Betroffenen für eine optimale gesundheitliche Versorgung als Voraussetzung für eine Verbesserung der individuellen Lebensqualität am Herzen.

Tamara Luding

(Jahrgang 1977, Bayern), Kinderkrankenschwester, Erzieherin, Traumapädagogin (i. A.), Initiatorin und Geschäftsleitung des Vereins Schutzhöhle e. V. - Verein zur Aufklärung und Prävention von sexuellem Missbrauch an Kindern. Sie arbeitet seit vielen Jahren zum Thema sexualisierter Gewalt. Sie berät Betroffene, entwickelt Präventionsprojekte für Kindergärten und Schulen und referiert vor Fachkräften aus Pädagogik, Psychologie, Medizin und Justiz. Sie ist Mitbegründerin des „Netzwerks gegen sexuelle Gewalt für Hochfranken, Vogtlandkreis und Thüringen" und engagiert sich in der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention e. V. (DGfPI e. V.).

Luding: „Meine beiden Hauptanliegen sind die Finanzierung der Fachberatungsstellen und das
Implementieren des Themas in die Ausbildung für pädagogische Fachkräfte. In der Mitarbeit im Betroffenenrat sehe ich eine große Chance diese beiden wichtigen Aspekte weiter voranzutreiben.

www.schutzhoehle.de

Wibke Müller

(Jahrgang 1982, Berlin); Diplom-Politikwissenschaftlerin; Mitorganisatorin des bundesweiten ersten Betroffenen-Kongresses „Aus unserer Sicht“ im Jahr 2010; seit 2009 ehrenamtliche Tätigkeit für Wildwasser Berlin e. V., seit 2011 Vorstandfrau von Wildwasser Berlin e. V.

Müller: „Sexualisierte Gewalt gegen Kinder ist eine Menschenrechtsverletzung. Wir müssen gesellschaftliche Strukturen analysieren und hinterfragen, die einen - auch über sexuelle Gewalt ausgelebten - Machtmissbrauch Kindern gegenüber ermöglichen und verdecken. Die abgesicherte Finanzierung der Fachberatungsstellen, flächendeckende Präventions- und Interventionsmaßnahmen und eine kritische Forschung, die Machtmissbrauch in den Fokus nimmt, sind mir besondere Anliegen. Ich möchte dazu beitragen, dass das Thema nicht erneut von der politischen Agenda verschwindet. Dazu brauchen wir auch internationale Vernetzung und Bündnisse, denn sexualisierte Gewalt ist ein globales Thema.“

http://www.wildwasser-berlin.de/

Jürgen Wolfgang Stein

(Jahrgang 1953, Sachsen-Anhalt), M. A., ist im Saarland aufgewachsen. Nach dem Abitur folgten Fachhochschulstudium mit Abschluss als Diplom-Verwaltungswirt und Universitätsstudium zum Magister Artium (M. A.) in Psychologie und Pädagogik sowie eine Weiterbildung in Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (Gestalttherapie). Seit 40 Jahren arbeitet Jürgen Wolfgang Stein als Beamter, zunächst im Dienst des Bundes, dann für seine Heimatstadt Neunkirchen/Saar (zuletzt Leiter der Jugendhilfe) und nach der Wende bis heute für das Land Sachsen-Anhalt. Er hat ehrenamtlich etwa 15.000 Stunden meistens in führenden Positionen geleistet, etwa von 1994 bis 2006 als Gründungsvorsitzender des Deutschen Kinderschutzbundes, Landesverband Sachsen-Anhalt e. V., und er ist engagiertes Mitglied von Mensa in Deutschland (LocSec Sachsen-Anhalt). Sein Thema ist die Widerstandskraft (Resilienz).

Stein: „Expertenwissen bleibt unvollkommen ohne Erfahrungswissen. In über zehn Kindheitsjahren mit einem missbrauchenden Vater habe ich Kräfte entwickelt, die ich zum Schutz von Kindern vor sexueller Gewalt einsetze. Entschieden gegen Missbrauch.

Alex Stern

(keine Altersangabe, Nordrhein-Westfalen), Student der Erziehungswissenschaften
(M. A.), engagiert sich neben dem Studium im Hochschulkontext für sexuelle und geschlechtliche
Selbstbestimmung. Seine Themenschwerpunkte sind dabei u. a. rituelle/organisierte sexualisierte
Gewalt und ihre Folgen und der gesellschaftliche und psychiatrische Umgang mit Personen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben.

Stern: „Ich halte es für dringend notwendig, dass sich der gesellschaftliche Umgang mit (komplex) traumatisierten Menschen verändert. Dazu möchte ich im Rahmen meiner Mitgliedschaft im Betroffenenbeirat beitragen.

Corinna Thalheim

(Jahrgang 1967, Sachsen), Betroffene der Heimerziehung der DDR (Jugendwerkhof), Vorstandsvorsitzende der Betroffeneninitiative „Missbrauch in DDR-Heimen“ e. V. , Gremiumsmitglied „Ergänzendes Hilfesystem Fonds sexueller Missbrauch“ (EHS-FSM), Gruppenleiterin der bundesweit einzigen Selbsthilfegruppe für sexuellen Missbrauch in DDR- Heimen „Verbogene-Seelen“.

Thalheim: „Mein Anliegen ist es, dass sexueller Missbrauch kein Tabu mehr ist, Aufklärung und Aufarbeitung sind mein Ziel.

www.verbogene-seelen.de

Hjördis E. Wirth

(Jahrgang 1960, Berlin), Pädagogin in Grund- und Förderschule, Kauffrau im Groß- und Außenhandel, Pädagogin in der kaufmännischen Berufsausbildung für Menschen mit Behinderungen. Unterstützerin des Vereins Lichtstrahlen Oldenburg e. V. und Administratorin des dazugehörigen Forums. Der Verein setzt sich für die Aufklärung, Öffentlichkeitsarbeit und Unterstützung Opfer ritueller und/oder organisierter sexualisierter Gewalt ein, welche mit den Folgen der schweren Traumatisierungen (u. a. dissoziative Störungen) zu kämpfen haben und deren Glaubwürdigkeit oftmals infrage gestellt wird.

Wirth: „Wichtige Themen aus meiner Sicht sind: Anwendung des OEG – im Sinne der Opfer, Richtlinien für die Kontrolle der Arbeit und fachliche Qualifikation der GutachterInnen. Ich habe die Hoffnung, dass wir als Betroffene mit unserem Wissen und unseren Erfahrungen dazu beitragen können, dass tatsächlich gesellschaftliche Veränderungen angebahnt werden.

www.lichtstrahlen-oldenburg.de/lichtstrahlen

N. N.

(Jahrgang 1988, Baden-Württemberg), staatlich anerkannter Erzieher, Pädagogik der Kindheit B. A. Derzeit im Studium zum Kindheitspädagogen M. A. in Baden-Württemberg. Eines der vielen Opfer sexuellen Missbrauchs in einer niedersächsischen Freizeiteinrichtung für Kinder und Jugendliche.

N. N.: „Es gab eine Zeit, in der ich mich nicht traute, etwas zu sagen, jetzt ist es an der Zeit etwas zu sagen, um anderen Mädchen und Jungen Kraft zu geben, nicht schweigen zu müssen! Ich möchte die Mischung aus fachlichem Hintergrundwissen sowie den Erfahrungen am eigenen Leibe nutzen, um Menschen in pädagogischen Kontexten stark zu machen, sich sexuellem Missbrauch entgegenzustellen.

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