Der Betroffenenrat

© Christine Fenzl Der Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs

Wer wir sind

Der Betroffenenrat ist ein politisches Gremium, das sich im März 2015 konstituiert hat. Die aktuell 14 Mitglieder des Betroffenenrats haben alle selbst sexualisierte Gewalt in den unterschiedlichsten Kontexten erlebt und arbeiten seit Jahren auch beruflich und/oder ehrenamtlich zu diesem Thema. Dadurch verfügt jede_r Einzelne neben individuellem Erfahrungswissen auch über spezifisches Expertenwissen.

Die Mitglieder des Betroffenenrats arbeiten ehrenamtlich. Der Schwerpunkt liegt in der politischen Arbeit, das heißt zum Beispiel im Verfassen von Stellungnahmen zu spezifischen Themen, öffentlich oder als Briefe an die betreffenden Personen, oder in beratenden Tätigkeiten (z. B. bei der Initiative Safe Sport oder der Erstellung der S3 Richtlinie zum Kinderschutz).

Die Belange möglichst vieler Betroffener sollen dadurch auch auf Bundesebene Gehör finden und öffentlich gemacht werden.

Darüber hinaus findet eine enge Zusammenarbeit mit dem Beirat des Unabhängigen Beauftragten über eine Mitarbeit in den Konzeptgruppen und die Teilnahme an den Plenumssitzungen statt.

Der Betroffenenrat tagt circa fünfmal jährlich in Berlin, befindet sich aber natürlich auch die übrige Zeit, zum Beispiel über die Arbeitsgruppen und die Konzeptgruppen des Beirats beim Unabhängigen Beauftragten, in regem Austausch.


Für die Inhalte des Menübereichs „Betroffenenrat" ist der Betroffenenrat verantwortlich.

Mitglieder Betroffenenrat

(Stand: 30.07.2018)

in alphabetischer Reihenfolge:

Catharina Beuster

(Jahrgang 1984, Berlin), Erziehungswissenschaften (B. A.), Erwachsenenbildung (M. A.) und Mediatorin. Derzeit Mitarbeiterin „Prävention und Intervention bei sexualisierter Cybergewalt“ bei Innocence in Danger e. V. Motiviert durch ihre eigene Geschichte verfasste Catharina Beuster ihre Abschlussarbeiten zum Thema „Prävention und Aufklärung sexuellen Missbrauchs in pädagogischen Institutionen“ sowie „Die Rolle der Erwachsenenbildung in der Bearbeitung gesellschaftlicher Herausforderungen am Beispiel sexualisierten Machtmissbrauchs“. Auch aus ihrer Berufspraxis heraus formuliert sie die Notwendigkeit einer betroffenengerechten Auseinandersetzung mit institutionellen Strukturen für einen verbesserten Kinderschutz. Sie gehört keiner Organisation an und möchte im Betroffenenrat allen Menschen Mut machen, sich mit ihren Erfahrungen für die Prävention und Aufklärung von sexueller Gewalt einzubringen.

„Ganz konkret möchte ich erreichen, dass das Thema sexueller Missbrauch in Abhängigkeitsverhältnissen nicht mehr vom Tisch verschwindet, sondern durch die aktive Mitarbeit vieler Betroffener eine präventive, gesamtgesellschaftliche Haltung entsteht, in der Erwachsene Kenntnis und vor allem Know-how zum Umgang mit Prävention und Intervention haben. Damit Sprechen wirklich hilft.“

Renate Bühn

(Jahrgang 1962, Bremen), Diplom-Sozialpädagogin, Bildungsreferentin, Künstlerin, seit 30 Jahren in politischer Selbsthilfe und Prävention aktiv. 1985 Mitgründerin der ersten Selbsthilfegruppe Darmstadt; 1987–1994 Vereinsgründung und Aufbau der Beratungsstelle Wildwasser Darmstadt. 1990 Gründung der Namenlos-Schriftenreihe zur Selbsthilfe – erstes bundesweites Forum für betroffene Frauen, um als Expertinnen sichtbar zu werden. Seit 2001 künstlerische Auseinandersetzung zu sexualisierter Gewalterfahrung von Mädchen, Jungen und Frauen – gegen Täter_innenschutz. Bildungsreferentin für geschlechterreflektierende Gewaltprävention mit jugendlichen Mädchen sowie Qualifizierung von Multiplikator_innen zu Gender, Diversity, direkte und strukturelle Gewalt.

„Das Ausmaß von sexualisierter Gewalt ist seit Jahrzehnten unverändert hoch. Ich engagiere mich im Betroffenenrat, um aus Sicht 30-jähriger feministischer Fachkompetenz und Erfahrung zum Thema gemeinsam mit anderen Betroffenen Forderungen und gesellschaftliche Strategien zu erarbeiten, die grundlegend Ursachen, Ausmaß und Dunkelziffer in den Blick nehmen. Es braucht endlich eine Kultur der Aufmerksamkeit und eine Politik, die dem Ausmaß entsprechend in Prävention, Unterstützung und Hilfe für Betroffenen, in Fachberatungsstellen und in Aufarbeitung investiert.“

www.renatebuehn.de

Kerstin Claus

(Jahrgang 1969, Rheinland-Pfalz), Journalistin, Fulbright Stipendiatin. Anzeige sexuellen Missbrauchs 2003 (Evangelische Landeskirche Bayern), ohne Ergebnis. 2010 Veröffentlichung der Vorwürfe. Dann jahrelange, zähe Verhandlungen mit letztlich unzureichendem Ausgang. Sie fordert endlich transparente und verbindliche Strukturen für Aufarbeitung im institutionellen Bereich ein. Im Betroffenenrat ist sie die Fachfrau für das Opferentschädigungsrecht (OEG) und das Ergänzende Hilfesystem (EHS). Hier macht sie sich auf allen politischen Ebenen für Verbesserungen stark, damit Betroffene sexualisierter Gewalt künftig einen schnelleren Zugang zu den dringend notwendigen Leistungen ermöglicht wird, zum Beispiel im Bereich der Therapie oder auch der beruflichen Rehabilitation.

„Ja, wir haben eine Vergangenheit, eine in Teilen entsetzliche Vergangenheit dazu. Dies müssen wir, dies muss auch die Gesellschaft lernen, auszuhalten. Wenn wir endlich gemeinsam in die Zukunft schauen wollen, dann sollten wir anerkennen, dass uns Betroffenen ein großes Stück Kindheit und Jugend geraubt wurde. Dass es also nichts mit Almosen zu tun hat, sondern mit Gerechtigkeit, wenn staatliche Modelle der Entschädigung Betroffenen endlich tatsächlich Perspektiven und Möglichkeiten der individuellen Zukunftsgestaltung ermöglichen.“

Sonja Howard

(Jahrgang 1988, Rheinland-Pfalz), Mutter von 4 Kindern, Demenz-Betreuerin und engagiert sich in diversen Organisationen der Nahost-Friedensarbeit, um Brücken zwischen verfeindeten Kulturen zu bauen. Sie ist dort auch Ansprechpartnerin für Fragen zu Missbrauchsprävention, sowie für Betroffene. Momentan arbeitet sie an einer Richtlinie für Grassroot-Organisationen mit.

„Die Rechtslage in Deutschland für Betroffene ist nach wie vor bescheiden. Solang Steuerhinterziehung härter geahndet wird als Gewalt an Kindern, läuft gewaltig was schief. Auch müssen bürokratische Hürden im Alltag minimiert und praktische Hilfe, insbesondere für Alleinerziehende, gewährleistet werden.“

Matthias Katsch

(Jahrgang 1963, Berlin/Baden-Württemberg), M. A., EMBA, Studium von Philosophie und Politik. In den 70er Jahren wurde er als Schüler der Berliner Jesuitenschule Canisius-Kolleg Opfer der beiden dortigen Haupttäter. Zusammen mit anderen Betroffenen gründete Katsch im Frühjahr 2010 die Initiative ECKIGER TISCH. 2010/2011 setzte er sich am Runden Tisch „Sexueller Missbrauch“ für Hilfen und Entschädigungen für Betroffene ein. Im Beirat des Unabhängigen Beauftragten engagierte er sich besonders für die Aufarbeitung sexueller Gewalt und kümmert sich um Zusammenarbeit und weltweite Vernetzung von Betroffenen. Als Ständiger Gast wirkt er in der 2016 berufenen „Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs" mit. Er ist beruflich als Managementtrainer und Berater in betrieblichen Veränderungsprozessen tätig.

„Aufarbeitung, Hilfe und Genugtuung, darum geht es mir seit 2010: Ohne Aufarbeitung der strukturellen Bedingungen, unter denen sexuelle Gewalt geschah und immer noch geschieht, wird uns keine nachhaltige Prävention gelingen. Hilfen und Entschädigung für Betroffene sind mehr als gerecht. Wirksamer Kinderschutz braucht Verbindlichkeit, Genugtuung für die Opfer schafft dafür Anreize.“

www.eckiger-tisch.de

Adrian Koerfer

(Jahrgang 1955, Hessen), Verlagsbuchhändler, Germanist und Kunsthistoriker (M. A.), Kulturschaffender. Von 2010 bis zum 31.12.2015 Gründungsvorsitzender von „Glasbrechen e. V. - Für die Opfer pädosexueller Verbrechen an der Odenwaldschule". Bis zum 30.04.2016 Gründungsmitglied im Betroffenenbeirat „Ergänzendes Hilfesystem Fonds sexueller Missbrauch“ (EHS-FSM), Mitglied der Konzeptgruppe Opferentschädigungsrecht (OEG) im Betroffenenrat.

„Die Mitarbeit im Betroffenenrat ist mir aus zweierlei Gründen sehr wichtig: zum einen möchte ich die höchst wertvolle Arbeit des Stabes um den UBSKM auch weiterhin unterstützen, zum anderen geht es darum, den Opfern sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend politisch vermehrt Gehör zu verschaffen und damit das Thema auch im Sinne einer erfolgreichen Präventionsarbeit im Bewusstsein der Gesellschaft ein für alle Mal zu verankern.“

Dorina Kolbe

(Jahrgang 1971, Niedersachsen), Kaufmännische Angestellte, politische Aktivistin, Blogprojekt ichhabeangezeigt.org. Dorina Kolbe ist Mitglied im Beirat des Projektes „Schutz vor sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Sport: Prävention, Intervention, Handlungskompetenz" beim LandesSportBund (LSB) Niedersachsen e. V.

„Als Betroffene bringe ich meine Erfahrungen mit dem Gesundheits-, Straf- und Entschädigungsrecht in den politischen Prozess ein. Ich nutze alle sich bietenden Möglichkeiten der Einflussnahme, um Aufklärungsarbeit zu leisten und die Interessen von Betroffenen zu thematisieren sowie durchzusetzen. Vor allem liegt mir die Unterstützung und Entschädigung von Betroffenen für eine optimale gesundheitliche Versorgung als Voraussetzung für eine Verbesserung der individuellen Lebensqualität am Herzen.“

Claas Löppmann

(Jahrgang 1988, Baden-Württemberg), Leiter einer Kindertagesstätte für 90 Kinder, staatlich anerkannter Erzieher, Pädagogik der Kindheit M. A., macht sich stark für die flächendeckende Etablierung von Schutzkonzepten in pädagogischen Einrichtungen sowie für die Verankerung von Wissen zu und Strategien gegen sexualisierte Gewalt in Ausbildung und Studium pädagogischer Fachkräfte.

„Ich profitiere von der Kombination aus fachlichem Hintergrundwissen sowie die eigenen Erfahrungen, um Menschen in pädagogischen Kontexten stark zu machen, sich sexuellem Missbrauch aktiv entgegenzustellen.“

Tamara Luding

(Jahrgang 1977, Bayern), Kinderkrankenschwester, Erzieherin, Traumapädagogin, Referentin für den Bereich Vernetzung der BKSF – Bundeskoordinierungsstelle spezialisierter Fachberatung zum Thema sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend, Initiatorin und Vorstandsfrau des Vereins „Schutzhöhle e. V. – Verein zur Aufklärung und Prävention von sexuellem Missbrauch an Kindern“. Sie arbeitet seit vielen Jahren zum Thema sexualisierter Gewalt. Sie hat sich dem Auf- und Ausbau spezialisierter Fachberatungsstellen für Betroffene verschrieben, nebenberuflich berät sie Betroffene, entwickelt Präventionsprojekte für Kindergärten und Schulen und referiert vor Fachkräften aus Pädagogik, Psychologie, Medizin und Justiz. Sie ist außerdem Mitbegründerin des „Netzwerks gegen sexuelle Gewalt für Hochfranken, Vogtlandkreis und Thüringen" und war in der ersten Phase ständiger Gast der Aufarbeitungskommission.

„Meine beiden Hauptanliegen sind die Finanzierung der Fachberatungsstellen und das Implementieren des Themas in die Ausbildung für pädagogische Fachkräfte. In der Mitarbeit im Betroffenenrat sehe ich eine große Chance diese beiden wichtigen Aspekte weiter voranzutreiben.“

www.bundeskoordinierung.de

www.schutzhoehle.de

Wibke Müller

(Jahrgang 1982, Berlin/Freiburg), Politikwissenschaftlerin, aktuell wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin an der Universität Freiburg. Mitorganisatorin des bundesweiten Betroffenen-Kongresses „Aus unserer Sicht“ im Jahr 2010. Seit 2009 ehrenamtliche Tätigkeit für Wildwasser Berlin e. V. Seit 2011 Vorstandfrau von Wildwasser Berlin e. V.

„Sexualisierte Gewalt gegen Kinder ist eine Menschenrechtsverletzung. Wir müssen gesellschaftliche Strukturen analysieren und hinterfragen, die einen – auch über sexuelle Gewalt ausgelebten – Machtmissbrauch Kindern gegenüber ermöglichen und verdecken. Die Regelfinanzierung der Fachberatungsstellen, flächendeckende Präventions- und Interventionsmaßnahmen und eine kritische Forschung, die Machtmissbrauch in den Fokus nimmt, sind mir besondere Anliegen. Ich möchte dazu beitragen, dass das Thema nicht erneut von der politischen Agenda verschwindet. Dazu brauchen wir auch internationale Vernetzung und Bündnisse, um voneinander zu lernen, denn sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige ist ein globales Thema.“

http://www.wildwasser-berlin.de/

Jürgen Wolfgang Stein

(Jahrgang 1953, Sachsen-Anhalt), M. A., im Saarland aufgewachsen. Nach dem Abitur folgten Fachhochschulstudium mit Abschluss als Diplom-Verwaltungswirt und Universitätsstudium zum Magister Artium (M. A.) in Psychologie und Pädagogik sowie eine Weiterbildung in Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (Gestalttherapie). Seit 40 Jahren arbeitet Jürgen Wolfgang Stein als Beamter, zunächst im Dienst des Bundes, dann für seine Heimatstadt Neunkirchen/Saar (zuletzt Leiter der Jugendhilfe) und nach der Wende für das Land Sachsen-Anhalt. Er hat ehrenamtlich etwa 15.000 Stunden meistens in führenden Positionen geleistet, etwa von 1994 bis 2006 als Gründungsvorsitzender des Deutschen Kinderschutzbundes, Landesverband Sachsen-Anhalt e. V., und er ist engagiertes Mitglied von Mensa in Deutschland (Gründungs-LocSec Sachsen-Anhalt). Sein Thema ist die Widerstandskraft (Resilienz).

„Expertenwissen bleibt unvollkommen ohne Erfahrungswissen. In Kindheit und Jugend habe ich Kräfte entwickelt, die ich zum Schutz von Kindern vor sexueller Gewalt einsetze. Entschieden gegen Missbrauch.“

Alex Stern

(keine Altersangabe, Nordrhein-Westfalen), M. A. Erziehungswissenschaft, ist das jüngste Mitglied im Betroffenenrat und befasst sich seit Jahren (nicht nur) ehrenamtlich mit den Themen Macht und Verantwortung. Im Betroffenenrat arbeitet Alex Stern vorwiegend zu Organisierter Kriminalität und Ritueller Gewalt, zu Forschung sowie u. a. zur gesundheitlichen Versorgung erwachsener Gewalterfahrener.

„Ich halte es für dringend notwendig, dass sich der gesellschaftliche Umgang mit (komplex) traumatisierten Menschen verändert. Dazu möchte ich im Rahmen meiner Mitgliedschaft im Betroffenenbeirat beitragen.“

Corinna Thalheim

(Jahrgang 1967, Sachsen), Betroffene der Heimerziehung der DDR (Jugendwerkhof), Vorstandsvorsitzende der Betroffeneninitiative „Missbrauch in DDR-Heimen“ e. V., Gremiumsmitglied „Ergänzendes Hilfesystem Fonds sexueller Missbrauch“ (EHS-FSM), Gruppenleiterin der bundesweit einzigen Selbsthilfegruppe für sexuellen Missbrauch in DDR- Heimen „Verbogene-Seelen“.

„Mein Anliegen ist es, dass sexueller Missbrauch kein Tabu mehr ist, Aufklärung und Aufarbeitung sind mein Ziel.“

www.betroffeneninitiative-torgau.de

Hjördis E. Wirth

(Jahrgang 1960, Berlin), Pädagogin, Unterstützerin des Vereins Lichtstrahlen Oldenburg e. V. und Administratorin des dazugehörigen Forums. Sie setzt sich für die Aufklärung, Öffentlichkeitsarbeit und Unterstützung Opfer ritueller und/oder organisierter sexualisierter Gewalt ein, welche mit den Folgen der schweren Traumatisierungen (u. a. dissoziative Störungen) zu kämpfen haben und deren Glaubwürdigkeit oftmals infrage gestellt wird. Als ständiger Gast wirkt sie in der „Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs" mit.

„Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt an Kindern und die aufrichtige Anerkennung des Leids der Betroffenen ist der Grundstein jeder Prävention. Ich habe die Hoffnung, dass wir als Betroffene mit unserem Wissen und unseren Erfahrungen dazu beitragen können, dass tatsächlich gesellschaftliche Veränderungen angebahnt werden.“

www.lichtstrahlen-oldenburg.de/lichtstrahlen

Sie befinden sich hier: