Stellungnahme des Betroffenenrats zu Hartmut von Hentigs Buch „Noch immer Mein Leben“, Wamiki Verlag, Berlin 2016

Der Betroffenenrat ist empört über die Veröffentlichung dieser 1.400 Seiten umfassenden Rechtfertigungsschrift von Hartmut von Hentig „Noch immer Mein Leben“.

Der Versuch einer Blendung

Berlin, 21.07.2016. Der Betroffenenrat ist empört über die Veröffentlichung dieser 1.400 Seiten umfassenden Rechtfertigungsschrift von Hartmut von Hentig „Noch immer Mein Leben“. Dass ein Verlag diesem Machwerk in dieser Weise Raum gegeben hat, ist uns unverständlich. Auch wenn sich die Frage stellt, ob man von Hentig mit jeder weiteren Stellungnahme nicht eine mediale Aufmerksamkeit gibt, die für Betroffene und Überlebende sexuellen Missbrauchs unerträglich ist, so ist das Buch doch zu symptomatisch, naiv und gefährlich gleichermaßen, als dass wir gerade als Betroffene hierzu schweigen könnten. Viele Äußerungen von Hentigs diffamieren Betroffene – und verletzen sie erneut in ihrer Integrität. Hierzu wollen und müssen wir Stellung beziehen und aufklären.

Auf welche Kernaussagen lassen sich die schrecklichen 1.392 Seiten von Hentigs herunterbrechen? Ganz grundsätzlich geht es dem Autor um eine Ehrenrettung. Man könnte auch sagen: um eine Reinwaschung. Herausgekommen ist ein Buch der Leugnung, des Beharrens, der Diffamierung und der Blendung: Von Hentig suggeriert seinen Lesern, dass sein langjähriger Lebenspartner Gerold Ummo Becker – der als Leiter der Odenwaldschule jahrelang vermutlich mehrere hundert Kinder missbrauchte und vergewaltigte – doch auch viele wunderbare Seiten hätte und vorgeblich auch die Opfer selbst eine Mitschuld an den an ihnen begangenen Übergriffen trügen. Wichtig erscheinen von Hentig im Zusammenhang der pädosexuell motivierten Verbrechen an Kindern und Jugendlichen die ständig wiederholte Unschuldsvermutung gegenüber Gerold Becker und das „False Memory Syndrom“, das es heutzutage glücklicher- und verständlicherweise nicht mehr in ernstzunehmende Forschungskreise schafft.

Denjenigen, die sich mutig, öffentlich schon 1998/99 oder 2010 geäußert haben und Beckers Verbrechen detailliert bezeugten und beschrieben, unterstellt er schlicht, sie würden unter zahlreichen psychischen Problemen leiden, von denen der Autor erfahren haben will, oder die sie, so mutmaßt von Hentig, wohl schon früher, vor ihrer Zeit an der Odenwaldschule, hatten.
Was machen diese Äußerungen, Verleumdungen und Verfremdungen der Wahrheit mit einem Menschen, der als Kind jahrelang dem täglichen Missbrauch von Gerold Becker und anderen Tätern ohnmächtig ausgesetzt war? Wie soll man mit der wiederholten Unschuldsvermutung gegenüber Gerold Becker – und einer Schuldumschreibung, die den Opfern Mitschuld an den an ihnen begangenen Verbrechen gibt, umgehen?

Von Hentig selbst will erst im Jahr 2010 von den zahllosen, sexuell motivierten Verbrechen seines Lebensgefährten erfahren haben. Zumindest seit 2010 und bis ins Jahr 2016 hinein hätte von Hentig Gelegenheit gehabt, sich tatsächlich umfassend mit dem neuesten, sich ständig erweiternden Forschungsstand zu sexuellem Kindesmissbrauch auseinanderzusetzen. Dann wären uns Überlebenden einige der überaus zahlreichen Entgleisungen von Hentigs erspart geblieben.

Von Hentig relativiert die Taten und deren Folgen, er diskreditiert die Opfer, begeht Rufmord an ihnen, findet deren Sprache anscheinend schrecklich – und nicht die Taten, um die es geht. Ebenso unerträglich bleibt für uns die im Raum stehende Forderung von Hentigs nach Beweisen. Dem muss nochmals entgegen gehalten werden, dass allein 80 ehemalige Schüler der Odenwaldschule die an ihnen von Becker begangenen Gewalttaten bezeugten.

Der Verein „Glasbrechen", eine Initiative von Betroffenen an der Odenwaldschule, hat immer wieder darauf hingewiesen, dass aufgrund der Dunkelziffer im Bereich der Sexualverbrechen und der Dauer der Präsenz von Gerold Becker an der Odenwaldschule vermutlich mindestens 400 Schicksale direkt auf die Übergriffe Beckers zurückzuführen sind. Damit ist Becker einer der größten bekanntgewordenen pädosexuellen Verbrecher in der Kriminalgeschichte Deutschlands. Unter seiner Leitung wurde ein System der sexuellen Gewalt gegenüber Schutzbefohlenen an der Odenwaldschule eingerichtet und über Jahrzehnte hinweg durch weitere Täter, Mitwissende und Wegschauende betrieben, ähnlich jenem in der „Colonia Dignidad".

„Pädophilie" ist ein geradezu verboten verharmlosender Begriff im Zusammenhang mit den unzähligen brutalen Taten Beckers, begangen an abhängigen, minderjährigen Schutzbefohlenen. Handelt es sich hier doch ausnahmslos um Verbrechen gegen Kinder und Jugendliche, gegen deren Selbstbestimmungs- und Persönlichkeitsrechte, gegen deren jeweilige Zukunft und Freiheit.

Dazu von Hentig wörtlich: „Weiß man denn, was Kinder in dieser Hinsicht wirklich wollen, wirklich brauchen, wirklich fürchten?" (S. 477)
Ganz entschieden: Ja! Man wusste es damals, man weiß es heute: Kinder brauchen ganz sicher nie sexuelle Handlungen mit Erwachsenen. Kinder wollten und wollen nie Sex mit Erwachsenen. Es gibt keinen gleichberechtigten Sex von Kindern mit Erwachsenen. Und Kinder fürchten sich immer vor der Erpressung, der Erniedrigung, der Beschmutzung durch die sexuelle Gewalt von Oben, die ihnen gegen ihren Willen angetan wurde und wird.

Alle relevanten Stellen haben jahrzehntelang weggesehen, ein Selbstschutzsystem aus Vertuschern und Verleugnern in den Bildungseinrichtungen und Universitäten, in der Politik und auch in den Medien hat unerträglich lange funktioniert, ein Netzwerk, in das auch Hartmut von Hentig seit den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts involviert war. Es gab Hinweise. Aber niemand hat damals zugehört, niemand wollte etwas wissen.

Bestürzt ist der Betroffenenrat auch darüber, dass sich im Umfeld des Verlages Wamiki ein Kreis der Unterstützer von Hentigs formiert und die Rezeption des Buches medial günstig zu beeinflussen und zu steuern versucht (http://noch-immer-mein-leben.de/). Wir als Betroffene sexueller Gewalt kennen solche Versuche des Kampfes um Deutungsmacht seit Jahrzehnten: Dulder, stille Unterstützer oder lautsprechende Leugner melden sich zu Wort, wann immer sexuell motivierte Verbrechen an Schutzbefohlenen bagatellisiert, bestritten oder tabuisiert werden müssen. Auch und gerade dazu sagen wir: Nein!

„Noch immer Mein Leben“ – das ist ein bitterer Titel für Betroffene und Überlebende der Taten Beckers. Das Leben von hunderten von Kindern wurde ihnen früh und sehr entschieden genommen. Allzu oft wurde es auch ganz zerstört. „Noch immer Mein Leben“ – alleine der Titel ist eine Zumutung.

Von Hentig ist kein kluges, nicht einmal ein gutes Buch gelungen. Aus dem Buch sprechen Eitelkeit, Selbstgefälligkeit, Selbstverherrlichung, gepaart mit Vertuschung und Verblendung. Vor der Lektüre dieses dicken Ärgernisses muss dringend gewarnt werden. Die hier zutage kommende Haltung ist gefährlich und beleidigend.

Der Betroffenenrat beim UBSKM unterstützt deshalb ausdrücklich und vollständig die persönliche Stellungnahme von Prof. Dr. Jens Brachmann, Professor an der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock und Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, die er im Juni 2016 zu von Hentigs Buch veröffentlicht hat (http://www.iasp.uni-rostock.de/mitarbeiterinnen/professoren/prof-dr-jens-brachmann/).

Die Zivilgesellschaft, Bildungseinrichtungen, Universitäten und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, brauchen eine ernsthafte, ehrliche und schonungslose Debatte über sexuellen Kindesmissbrauch, über dessen Ursachen und über die Strategien seines Verschweigens! Endlich! Jetzt!

Der Betroffenenrat
Fachgremium beim UBSKM

Der Betroffenenrat beim UBSKM hat sich im März 2015 konstituiert. Die 15 Mitglieder des Betroffenenrats haben sexualisierte Gewalt in den unterschiedlichsten Kontexten erlebt und arbeiten seit Jahren beruflich und/oder ehrenamtlich zu diesem Thema.

Kontakt für die Medien zu Mitgliedern des Betroffenenrates unter pressebetroffenenrat-ubskmde oder unter friederike.beckubskm.bundde

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Pressemitteilung in der Fassung vom 02.02.2017

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