Präventive Erziehung

Prävention beginnt im Alltag

Kinder in der Kirche
© Christine Fenzl

Eine präventive Erziehungshaltung – in der Familie wie in pädagogischen Einrichtungen – ist ein wesentlicher Schritt zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuellem Missbrauch.
Die Herausforderungen für Mütter und Väter, für Großeltern und für alle, die mit Kindern leben und Zeit verbringen, liegen dabei vor allem im Erziehungsalltag. Denn hier setzt Prävention an.

In Einrichtungen, die keinen pädagogischen Auftrag im engeren Sinne haben, wie beispielsweise Kinderkliniken oder logopädischen Praxen, geht es weniger um erzieherische Einflussnahme, sondern eher um die Gestaltung von Kontakten mit Kindern und Jugendlichen, die von einer präventiven Grundhaltung geprägt sein sollte. Diese orientiert sich an den Kinderrechten und ist geprägt durch Respekt und Achtsamkeit.

In der Familie bedeutet präventive Erziehung, den Töchtern und Söhnen mit Liebe und Respekt zu begegnen, ihre Persönlichkeit ernst zu nehmen und ihre Selbstbestimmung zu fördern. Im Mittelpunkt der präventiven Erziehung steht die Stärkung der Mädchen und Jungen. Diese gelingt am besten, wenn Eltern sensibel für die Belange ihrer Kinder sind und deren Bedürfnisse nicht den eigenen unterordnen. Vor allem aber geht es darum, Mädchen und Jungen zu ermutigen, sie selbst zu sein, ohne die Grenzen anderer zu überschreiten. 

Auch in Einrichtungen mit einem pädagogischen Bildungsauftrag, etwa Kindergärten, Schulen oder Heimen, gibt es – wie in der familiären Erziehungssituation – konkrete Anforderungen an eine präventive Erziehungshaltung. Kinder und Jugendliche brauchen dort Alltagserfahrungen und Gespräche, in denen die folgenden Präventionsthemen zum Ausdruck kommen.

Präventionsthemen – eine Orientierung für präventive Erziehung in Familie und Einrichtung

Familie spielt "Mensch ärgere Dich nicht"
© Christine Fenzl
  • Körperliche Selbstbestimmung: Mädchen und Jungen sollen ihren Körper als wertvoll, schön und liebenswert begreifen, ihn entdecken und erfahren dürfen. Abwertende Bemerkungen über den Körper anderer sollten weder in der Familie noch in einer pädagogischen Einrichtung zum Umgangston gehören. Das Recht auf körperliche Selbstbestimmung verlangt von Eltern wie von Fachkräften, dass sie Kinder und Jugendliche zu Fortschritten in der Selbstständigkeit ermutigen und selbst respektvoll und gewaltfrei mit ihnen umgehen. Mädchen und Jungen sollen wissen und erleben, dass sie selbst über ihren Körper bestimmen können und andere sie nicht einfach ungefragt anfassen dürfen – auch dann nicht, wenn es „nur nett gemeint“ ist. Dazu gehört auch die Erfahrung, dass man selbst entscheiden darf, wer einen in welcher Situation fotografiert.
  • Sexualerziehung: Kinder brauchen Erwachsene, die mit ihnen über Sexualität sprechen und ihr Interesse an sexuellen Fragen aufgreifen. Denn kindliche Unwissenheit über Sexualität kann leicht von Tätern und Täterinnen ausgenutzt werden. Zudem fällt es Mädchen und Jungen leichter, über sexuelle Übergriffe zu sprechen, wenn sie die Begriffe für Geschlechtsteile und sexuelle Vorgänge kennen. Die Verantwortung für Sexualerziehung tragen Familie und Bildungseinrichtungen gemeinsam. Wenn es Eltern schwerfällt, unbefangen über sexuelle Themen zu sprechen, kann Schule positive Zugänge erleichtern und Wissensdefizite ausgleichen. Sexualerziehung wird nicht dadurch überflüssig, dass Sexualität in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist. Im Gegenteil: Mädchen und Jungen brauchen Orientierung im Dschungel der sexuellen und sexualisierten Botschaften und Reize. Insbesondere sollten sie früh den Unterschied zwischen Sexualität und sexueller Gewalt verstehen. Aber auch für Jugendliche, die vor allem mit Gleichaltrigen im direkten Gespräch, im Chat oder durch Jugendmagazine ihre sexuellen Fragen klären, ist es wichtig zu wissen, dass sie auf erwachsene Ansprechpartner zurückgreifen können – aber nicht müssen. Auch wenn sie davon womöglich kaum Gebrauch machen, gibt dieses Wissen Sicherheit.
  • Gefühle: Täter und Täterinnen manipulieren die Gefühle der Betroffenen und die Wahrnehmung der Bezugspersonen. Prävention bedeutet deshalb, die Wahrnehmungsfähigkeit von Mädchen und Jungen zu fördern und sie darin zu unterstützen, ihre Gefühle auch auszudrücken. Sie sollen die Erfahrung machen, dass innerhalb der Familie oder Gruppe unterschiedliche Wahrnehmungen und Gefühle zu den gleichen Situationen existieren dürfen. Ebenso wichtig ist es, Kinder und Jugendliche darin zu bestärken, sich nicht zu Dingen überreden zu lassen, die sie nicht wollen. Mädchen und Jungen brauchen Ermutigung, wenn es darum geht, auch solche Gefühle zu zeigen, die angeblich nicht zu ihrem Geschlecht passen. Mädchen, die wild und selbstbewusst, Jungen, die auch mal ängstlich und hilflos sein dürfen, sind besser vor Missbrauch geschützt. Dabei gilt: Erziehende, die über ihre eigenen Gefühle sprechen und sie auch authentisch ausdrücken, sind ein wichtiges Vorbild. Auch beim Thema Gefühle stellen die digitalen Medien Eltern und andere Erziehende vor besondere Herausforderungen: Sie müssen Kindern und Jugendlichen vermitteln, dass es in der Online-Kommunikation nicht sinnvoll ist, sich auf seine Gefühle zu verlassen. Gestik und Mimik fehlen, so dass es nur wenige Anhaltspunkte für eine Einschätzung des Gegenübers gibt.
  • Widerspruch: Damit Kinder und Jugendliche ihr Unbehagen und ihre Abwehr bei sexuellem Missbrauch oder sexuellen Übergriffen ausdrücken können, sollten sie in ihrer Familie wie von betreuenden Fachkräften gelernt haben, dass Erwachsene nicht immer im Recht sind. Die Erfahrung, dass ihr Widerspruch, ihr Nein, nicht einfach übergangen wird und ihre Mitsprache Bedeutung hat, ist sehr wichtig. Wer ernst genommen wird, kann auch anderen Menschen gegenüber besser seine eigene Meinung vertreten oder Missfallen und Ablehnung kundtun. Manche Kinder oder Jugendliche benötigen Ermutigung, wenn es darum geht, Nein zu sagen. Doch sollten sie nicht mit Erwartungen überfordert werden, denn Nein zu sagen ist ein Recht und keine Pflicht. Bei anderen Mädchen und Jungen ist es wichtiger, sie dazu anzuhalten, ein Nein zu akzeptieren und die Grenzen anderer zu wahren.
  • Geheimnisse: Eltern sollten möglichst wenige Geheimnisse im Familienleben zulassen, damit sich keine „Geheimniskultur“ entwickelt. Wer daran gewöhnt ist, dass alles Unangenehme durch Stillschweigen aus der Welt geschafft wird, ist nicht ausreichend vorbereitet, wenn ein Täter oder eine Täterin Geheimhaltung erzwingen will. Eltern und Fachkräfte sollten Kindern schon früh vermitteln, dass man über „schlechte“ Geheimnisse, also Geheimnisse, die sich schlecht anfühlen, reden darf! Das ist kein Petzen und kein Verrat! Diese Botschaft ist auch für ältere Kinder und Jugendliche wesentlich. Gerade in etablierten Bildungs- und Betreuungseinrichtungen gibt es ein besonderes Risiko, dass Mädchen und Jungen, die sexuelle Gewalt erleiden, schweigen, weil sie es nicht wagen, den Ruf der Einrichtung zu beschädigen oder die „Gruppenehre“ zu verletzen.
  • Hilfe: Damit sich Kinder oder Jugendliche bei Missbrauch jemandem anvertrauen können, brauchen sie die grundlegende Erfahrung, dass sich ihre Eltern, andere private, aber auch professionelle Bezugspersonen für sie und ihre Sorgen und Nöte interessieren. Eltern sollten vermitteln, dass die Familie kein abgeschlossenes System ist, sondern auch andere Menschen geeignete Vertrauenspersonen sein können. Es ist von höchster Bedeutung, dass Mädchen und Jungen erleben, dass ihre persönlichen Belastungen nicht übergangen werden, sondern Raum bekommen. Das Wissen, dass sich Bezugspersonen mit dem Thema sexueller Missbrauch auskennen und Kontakt zu Fachberatungsstellen herstellen können, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich Mädchen und Jungen im Ernstfall anvertrauen.
  • Schuld: Mädchen und Jungen, die sexuelle Gewalt erlitten haben, haben niemals Schuld. Dies sollte Kindern und Jugendlichen deutlich erklärt werden. Denn bei sexuellem Missbrauch fühlen sich die meisten Kinder oder Jugendlichen schuldig, was von Tätern und Täterinnen massiv gefördert und ausgenutzt wird. Denn Täter und Täterinnen bauen auf die Loyalität von betroffenen Kindern und Jugendlichen – auf ihr Gefühl, selbst (mit-)verantwortlich für das Geschehen zu sein. Dies gelingt besonders leicht, wo Kinder oder Jugendliche Risiken eingegangen sind und sich beispielsweise durch ihre offensive Selbstdarstellung in den Sozialen Netzwerken selbst gefährdet haben. Prävention sollte sich nicht darauf beschränken, vor diesem Verhalten zu warnen. Sie muss klarstellen, dass selbst riskantes Verhalten keinerlei Schuld begründet. Ein bewusster Umgang mit dem Thema Schuld in allen Lebensbereichen kann Kindern ein klares Bild von Schuldfragen zeichnen.

Präventive Erziehung verlangt Besonnenheit und realistische Ziele. Sie kann Risiken verringern, aber keinen absoluten Schutz garantieren. Sie kann aber dazu beitragen, Missbrauch frühzeitig zu beenden, bevor schwere seelische Verletzungen entstehen. Und sie kann helfen, seelische Verletzungen schneller verheilen zu lassen.

Mit Kindern und Jugendlichen über Missbrauch sprechen

Kinder in der Kirche
© Christine Fenzl

Die Aufklärung über sexuellen Missbrauch bietet Kindern ab dem Schulalter einen wichtigen Schutz. Informierte Kinder und Jugendliche können Situationen besser einschätzen, sind weniger arglos und können eher darüber reden. Bei jüngeren Kindern sind konkrete Informationen über Missbrauch in der Regel nicht angebracht, weil das Thema Angst auslösen kann. Nur in Ausnahmefällen, wenn Kinder direkt danach fragen oder verwirrende Informationen aufgeschnappt haben, ist es sinnvoll, in wenigen unaufgeregten Sätzen darüber zu sprechen, dass es manchmal Menschen gibt, die Kinder im Genitalbereich anfassen oder intensiv küssen wollen. Die Betonung sollte auf dem Unrecht dieses Tuns liegen.

Viele Eltern und pädagogische Fachkräfte fürchten sich vor Gesprächen, in denen es um Missbrauch geht, etwa weil sie denken, dass ihnen die richtigen Worte fehlen. Man muss aber nicht alles richtig machen. Das Wichtigste in solchen Gesprächen ist, dass Kinder und Jugendliche erleben: Meine Mutter, mein Vater oder meine Lehrerin oder mein Betreuer weiß, dass es so etwas gibt. Denn das bedeutet auch: Zu diesen Vertrauenspersonen kann ich kommen, wenn mir so etwas passiert.
Zu den wichtigen Informationen gehört,

  • dass Mädchen und Jungen sexuelle Gewalt widerfahren kann,
  • dass Männer, aber auch Jugendliche und manchmal auch Frauen Täter sein können,
  • dass die meisten Erwachsenen und Jugendlichen nicht missbrauchen,
  • dass man den meisten Tätern und Täterinnen ihre Absichten nicht ansieht,
  • dass es oft bekannte und vertraute Menschen und nur selten Fremde sind,
  • dass sexueller Missbrauch nichts mit Liebe zu tun hat,
  • dass Missbrauch oft mit komischen Gefühlen beginnt,
  • dass Mädchen und Jungen auch in Chatrooms und in sozialen Netzwerken sexuelle Gewalt widerfahren kann,
  • dass es auch zu sexuellen Übergriffen unter Kindern oder unter Jugendlichen kommen kann und dass es auch in diesen Fällen ein Recht auf Hilfe gibt.

Bei Mädchen und Jungen soll durch das Sprechen über sexuellen Missbrauch keine Angst erzeugt und der Eindruck vermieden werden, dass Missbrauch die Zukunft zerstört. Vielmehr sollte erklärt werden, dass Missbrauch Menschen stark beeinträchtigen, aber durch Trost, Unterstützung und gegebenenfalls Therapie verarbeitet werden kann.

Kein Raum für Missbrauch

Finden Sie Hilfe in Ihrer Nähe

Grafik einer Deutschlandkarte mit Lupe

Bundesweite Initiative Trau dich

Bundesweite Initiative Trau Dich
Sie befinden sich hier: