2 Jahre Hilfetelefon „berta“ für Betroffene organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt

Silke Noack, Leiterin berta: „Viele Anrufende sagen uns, dass berta für sie lebensrettend ist.“

© N.I.N.A. e. V. Quelle: UBSKM

Vor zwei Jahren, am 3. Mai 2019, ist das Telefon berta 0800 3050750 – die bundesweite, kostenfreie und anonyme Anlaufstelle für Betroffene von organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt – gestartet. Seither bietet berta Menschen Entlastung, Beratung und Unterstützung beim Ausstieg aus organisierten sexualisierten und rituellen Gewaltstrukturen* und unterstützt darüber hinaus alle, die sich um jemanden sorgen, einen Verdacht haben oder Informationen zum Thema suchen. Seit dem Start im Mai 2019 sind über 8.000 Anrufe bei berta eingegangen, knapp 5.500 Beratungsgespräche wurden geführt. Die Gespräche sind sehr beratungsintensiv und dauern im Durchschnitt eine Stunde.

Die ersten Auswertungen der anonymisierten Gesprächsdokumentationen zeigen: Die Existenz und das Ausmaß organisierter sexualisierter und/oder ritueller Gewalt, bei der Täter und Täterinnen auch (pseudo-)religiöse oder andere Ideologien als Rechtfertigung der Taten nutzen, wird nach wie vor vielfach angezweifelt. Für Betroffene ist das unerträglich, sie haben oftmals schwere sexualisierte, körperliche und psychische Gewalt erlebt, die systematisch geplant und ausgeübt wurde, häufig verbunden mit kommerzieller sexueller Ausbeutung. Komplexe Problemlagen wie fortbestehender Täterkontakt, Abhängigkeiten, fehlende soziale Unterstützung, eine komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und/oder eine Dissoziative Identitätsstörung (DIS), d. h. die Aufspaltung der Persönlichkeit in mehrere Teil-Persönlichkeiten, kennzeichnen oft die Situation dieser Betroffenen – und lassen sie dadurch für das Umfeld unglaubwürdig erscheinen. Verbesserte Aufklärung und Unterstützung für den Ausstieg aus diesen Gewaltstrukturen ist dringend erforderlich.

Silke Noack, N.I.N.A. e. V. und fachliche Leitung von berta: „Für Menschen, die organisierte sexualisierte oder rituelle Gewalt erfahren haben, kommt nun auch noch erschwerend hinzu, dass sich ihre Situation durch Corona verschärft hat: Sie leben noch isolierter, können kaum noch Hilfeangebote und Kliniken aufsuchen und betroffene Kinder sind – oftmals ohne Schule und Kita – rund um die Uhr für die Täternetzwerke verfügbar. Ein weiteres sehr belastendes Thema für viele traumatisierte Menschen ist zudem die Maskenpflicht. Viele Täter und Täterinnen maskieren sowohl sich als auch die Betroffenen in diesem Gewaltkontext. Das Tragen von Masken löst bei den Betroffenen diese Erinnerungen wieder aus. Mit berta können wir einen wichtigen Beitrag leisten, diese Betroffenengruppe in der Corona-Krise zu unterstützen. Die Fachkräfte am Telefon sind da, sie hören zu und sie begleiten - auch wenn es schwer wird.“

Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM): „Die große Resonanz beim Telefon berta zeigt, wie wichtig es ist, dass wir Betroffenen aus diesem Gewaltkontext, der oft sehr abgeschottete Strukturen aufweist, ein spezifisches Angebot bieten. Es ist aber noch viel Aufklärungsarbeit bei psychologischen und pädagogischen Fachkräften und insbesondere bei Justiz und Politik notwendig, um diese Menschen beim Ausstieg aktiv zu unterstützen und entsprechende Hilfeangebote bereitzustellen. Hier braucht es dringend mehr Wissen, Kooperation und Vernetzung in den Regelsystemen.“

Eine Arbeitsgruppe um Jun.-Prof. Miriam Rassenhofer und Prof. Jörg M. Fegert von der Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm hat im Auftrag vom UBSKM die Anrufe bei berta in einem ersten Intervall von August bis Dezember 2020 wissenschaftlich begleitet und dokumentiert. Prof. Fegert: „Die berichteten Taten beginnen meist in den allerersten Lebensjahren und gehen oft über viele Jahre. Anrufende berichten etwa, dass Täter und Täterinnen vernetzt waren oder teilweise Mitglieder einer sektenähnlichen Gruppierung waren. Sie übten teils extreme körperliche und psychische Gewalt aus und setzten Medikamente und Drogen ein, um die Betroffenen gegenüber multiplen Tätern und Täterinnen gefügig zu machen.“ Über 80 % der Anrufenden waren weiblich. Die Haupttäter und -täterinnen stammten meist aus der eigenen Familie, weitere Täter und Täterinnen kamen von außerhalb dazu. Die meisten Anrufenden nannten die Suche nach Entlastung als Grund des Anrufs. Außerdem waren Informationsabfrage, Fallschilderung oder der Wunsch nach Ausstieg aus dem Missbrauchssystem, d. h. die Suche nach Fachberatungsstellen sowie Notunterkünften, Motivation für einen Anruf. Jun.-Prof. Rassenhofer: „Die hohen Anrufzahlen und die erschütternden Berichte zeigen den Bedarf an Hilfeangeboten und wie wichtig eine zukünftige Begleitforschung von berta ist: In Kombination mit repräsentativen Befragungen können hier wichtige Erkenntnisse getroffen werden, die dazu beitragen können, dass sowohl Fachwelt als auch Bevölkerung diese Form der Gewalt sehen, verstehen und ernstnehmen.“

Der Betroffenenrat beim UBSKM, der bei der Entwicklung des Studiendesigns zur wissenschaftlichen Begleitforschung mitwirkte, betonte anlässlich 2 Jahre berta: „Oft gibt es für Betroffene organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt nur einen einzigen Weg in ein möglicherweise sicheres Leben: Ihnen muss zugehört und geglaubt werden! 2 Jahre berta stehen vor allem dafür, dass berta gebraucht wird. Zuhören, glauben und bleiben - wir Mitglieder des Betroffenenrates wissen, wie schwer es ist, Vertrauen zu finden und Unaussprechliches in Worte zu fassen. Umso mehr sind wir über Angebote wie das berta Telefon froh, das Betroffene nutzen, um über die erfahrene schwere Gewalt anonym zu sprechen. Alle berta Berater*innen sind Fachkräfte mit individuellen Erfahrungen zu diesem Thema und wissen insbesondere, dass Täter*innen aus organisierten Netzen über starke Strukturen verfügen. Wir müssen - wenn wir Betroffenen ernsthaft helfen wollen - ebenso starke Netzwerke aufbauen. Auch berta muss entsprechend mit mehr Ressourcen ausgestattet werden. Der Weg für Betroffene bleibt kräftezehrend, aber berta hört zu, glaubt und bleibt. Und genau darum geht es - dranbleiben und unterstützen, wenn Andere schon wieder wegsehen."

Die Auswertungen der anonymen Gesprächsdokumentationen sind eine wichtige Quelle für die Forschung und somit für die Verbesserung von Prävention, Hilfesystemen sowie Ausstiegshilfen. Sie machen deutlich, dass der wichtigste Bestandteil für den Ausstieg ein umfangreiches Hilfenetzwerk darstellt – das dringend weiter ausgebaut werden muss.

Ein Fact Sheet mit den Ergebnissen einer Machbarkeitsstudie der Uniklinik Ulm zur wissenschaftlichen Begleitforschung von berta sowie einer dazugehörigen Literaturrecherche findet sich am Seitenende unter Downloads.

berta Telefon: 0800 3050750 (anonym & kostenfrei)

Sprechzeiten: Dienstag 16 bis 20 Uhr und Freitag 9 bis 13 Uhr (außer an Feiertagen und am 24. und 31. Dezember)
berta ist ein telefonisches Unterstützungsangebot des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) unter der fachlichen Leitung von N.I.N.A. e. V. (Nationale Infoline, Netzwerk und Anlaufstelle zu sexualisierter Gewalt an Mädchen und Jungen). Die Fachkräfte von berta sind psychologisch und pädagogisch ausgebildet und verfügen über langjährige Erfahrungen mit organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt. Sie beraten beim Ausstieg und allen damit verbundenen Fragen. Sie geben Informationen und zeigen – wenn gewünscht – weitere Möglichkeiten der Hilfe und Unterstützung auf. Jedes Gespräch bei berta bleibt vertraulich. Der Schutz der persönlichen Daten ist zu jedem Zeitpunkt garantiert.

www.berta-telefon.de

Weitere aktuelle Studien und Vorhaben zum Kontext organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt:

Nationaler Rat gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen - Im Nationalen Rat befasst sich die Arbeitsgruppe „Schutz vor Ausbeutung und internationale Kooperation“ auch mit dem Thema sexualisierte Gewalt in organisierten und rituellen Gewaltstrukturen. Denn für Menschen mit diesen Erfahrungen ist es besonders schwer, Hilfe und Unterstützung zu finden. Es gibt nach wie vor eine große Diskrepanz zwischen der Praxisrelevanz und der gesicherten Datenlage einerseits und der öffentlichen und politischen Anerkennung andererseits. Im Rahmen der Arbeit des Nationalen Rates werden daher auch Maßnahmen der Sensibilisierung und Aufklärung zu diesem Gewaltkontext diskutiert. Fachkräfte sollen in ihrer Handlungskompetenz unterstützt und die psychosoziale Versorgung von Betroffenen verbessert werden. Dazu ist es auch erforderlich, dass eine weitere Professionalisierung, Vermittlung spezifischen Fachwissens und Kooperation der Fachdisziplinen zu Traumafolgestörungen, zur Komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung und zur Dissoziativen Störung stattfindet.

www.nationaler-rat.de


Wissensportal zur Aufklärung und Unterstu?tzung bei sexuellem Kindesmissbrauch in organisierten und rituellen Gewaltstrukturen – Ein Forschungsteam am Institut für Sexualforschung im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) entwickelt aktuell in Kooperation mit der Fachberatungsstelle N.I.N.A. e. V. (Nationale Infoline, Netzwerk und Anlaufstelle zu sexueller Gewalt an Mädchen und Jungen) ein Wissensportal zur Aufklärung und Unterstu?tzung bei sexuellem Kindesmissbrauch in organisierten und rituellen Gewaltstrukturen. Das Portal soll durch die Vermittlung von Informationen aus Wissenschaft und Praxis Betroffene und helfende Personen unterstützen und die Gesellschaft zu diesen spezifischen Gewaltstrukturen aufklären. Projektlaufzeit: Juli 2020 bis Juni 2022. Teil des Projekts ist auch die Evaluation des Portals. Gefördert wird das Portal vom Bundesfamilienministerium (BMFSFJ). Ansprechperson: Dr. Johanna Schröder (UKE) jo.schroeder@uke.de


Forschungsprojekt „Professionelle Begleitung von Menschen, die sexuelle Gewalt und Ausbeutung, im Besonderen organisierte rituelle Gewalt, erlebt haben: Die Perspektive der Betroffenen und Fachkolleg*innen“ – Das Projekt ist von der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs initiiert worden. Die Leitung hat das Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), in Kooperation mit der Spezialambulanz für Traumafolgestörungen des UKE.

www.aufarbeitungskommission.de

* Definition organisierte sexualisierte und rituelle Gewalt: In organisierten und rituellen Gewaltstrukturen wird die systematische Anwendung schwerer sexualisierter Gewalt in Verbindung mit körperlicher und psychischer Gewalt an Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen durch die Zusammenarbeit mehrerer Täter und Täterinnen bzw. Täternetzwerke ermöglicht. Häufig ist dies mit kommerzieller sexueller Ausbeutung verbunden. Dient eine Ideologie zur Begründung oder Rechtfertigung der Gewalt, wird dies als rituelle Gewalt bezeichnet. In manchen Gewaltstrukturen sind Familien generationenübergreifend eingebunden. Organisierte und rituelle Gewaltstrukturen können eine umfassende Kontrolle und Ausbeutung von Menschen durch sog. Control-Methoden beinhalten. Die planmäßige wiederholte Anwendung schwerer Gewalt erzwingt spezifische Dissoziationen bzw. eine gezielte Aufspaltung der kindlichen Persönlichkeit und führt dazu, dass Betroffenen, die sich anvertrauen, vielfach nicht geglaubt wird. - Definition des „Fachkreis Sexualisierte Gewalt“ beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Kinder (BMFSFJ):

www.bundeskoordinierung.de/de/topic/51.rituelle-und-organisierte-gewalt.html

Pressekontakt UBSKM: Friederike Beck, Tel. 030 18555 1554, friederike.beck@ubskm.bund.de
Pressekontakt berta: Silke Noack, Tel. 0431-70535013, noack@nina-info.de
Pressekontakt Uniklinik Ulm: Mitja Weilemann, Mobil 0731-500 61603, mitja.weilemann@uniklinik-ulm.de
Pressekontakt Betroffenenrat: Angela Marquardt, angela.marquardt@betroffenerat-ubskm.bund.de (tel. Kontakt s. Beck/UBSKM)

Weitere Informationen und Hilfeangebote:
www.beauftragter-missbrauch.de
Hilfetelefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530 (kostenfrei & anonym) und www.hilfeportal-missbrauch.de

Twitter: @ubskm_de

Instagram: @missbrauchsbeauftragter

Downloads

Pressemitteilung 2 Jahre Hilfetelefon berta

Download (PDF, 0.3 MB, nicht barrierefrei)

Fact Sheet 2 Jahre Hilfetelefon berta

Download (PDF, 0.2 MB, nicht barrierefrei)

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Friederike Beck
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E-Mail: Friederike.Beck(at)ubskm.bund.de

Stefan Frohloff
Stellv. Pressesprecher
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Fax: +49 (0)30 18555-4 1565
E-Mail: stefan.frohloff(at)ubskm.bund.de

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