Nationaler Rat gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen legt „Gemeinsame Verständigung“ vor

Bundesfamilienministerin Lambrecht und Rörig stellen „Gemeinsame Verständigung“ des Nationalen Rates vor. Im Anschluss Gespräch mit dem Bundespräsidenten und Mitgliedern des Nationalen Rates.

© Foto: UBSKM v. l. n. r. : Beauftragter Johannes-Wilhelm Rörig, Bundesfamilienministerin Christine Lambrecht, Sonja Howard, Mitglied im Betroffenenrat, am 30. Juni 2021 bei der öffentlichen Vorstellung der „Gemeinsamen Verständigung“

Erste Ergebnisse zur Verbesserung von Prävention, Intervention, Hilfe und Forschung 

Unter dem Vorsitz von Bundesfamilienministerin Christine Lambrecht und Johannes-Wilhelm Rörig, dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, kamen gestern erneut über 40 staatliche und nicht-staatliche Spitzenakteure zum Nationalen Rat gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen zusammen. Anderthalb Jahre nach seiner konstituierenden Sitzung legt das Forum nun eine „Gemeinsame Verständigung“ vor. Darin sind konkrete Maßnahmen in fünf Themenkomplexen enthalten. Ziel ist es Schutz und Hilfen bei sexualisierter Gewalt und Ausbeutung zu verbessern, kindgerechte Gerichtsverfahren zu gewährleisten und die Forschung zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt weiter voranzubringen.

Bundesfamilienministerin Christine Lambrecht: „Kindern wird mit sexueller Gewalt unfassbares Leid angetan. Um sexueller Gewalt entschieden entgegenzutreten, braucht es uns alle in der Gesellschaft. Gerade deswegen ist der Nationale Rat so wichtig. In dem Forum vereinen alle staatlichen Ebenen, Verantwortungsträger, Zivilgesellschaft, Fachpraxis, Wissenschaft und Betroffene ihr Know-how und ihre Wirkungskraft. Ergebnis ist unsere „Gemeinsame Verständigung“. Darin sind klare Schritte für ein entschlosseneres Handeln zum Schutz von Kindern und Jugendlichen enthalten. Konkret geht es beispielsweise darum, gerichtliche Verfahren kindgerecht zu gestalten, damit Kinder und Jugendliche so wenig wie nötig erneut belastet werden. Und es geht darum Schutzkonzepte in Einrichtungen und auch digital konsequent zu entwickeln und umzusetzen. Ich danke allen Mitgliedern des Nationalen Rates für ihren starken Einsatz und ihr wertvolles Engagement. Jetzt kommt es darauf an, dass die Umsetzung in der nächsten Legislatur fortgeführt wird.“

Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM): „Im Dezember 2019 haben wir den Nationalen Rat einberufen, um eine Verständigung auf konkrete Verbesserungen bei Prävention, Intervention, Hilfen und Forschung zu
erreichen. Diese Zielsetzung haben wir dank des beeindruckenden Engagements aller Mitwirkenden erreicht. Die „Gemeinsame Verständigung“ des Nationalen Rates zeigt uns aber auch, was noch alles unternommen werden muss, um im Kampf gegen sexuellen Missbrauch künftig erfolgreicher zu sein. Die „Gemeinsame Verständigung“ ist eine hervorragende Basis für konsequenteres Handeln. Die künftige Bundesregierung sollte den Nationalen Rat als ständigen ‘Think Tank‘, in dem sich auch die Politik selbst verpflichtet, etablieren und stärken.“

Mit Blick auf den ausufernden Anstieg von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Netz betonte Rörig, dass der nächste Deutsche Bundestag und die nächste Bundesregierung zudem die Einsetzung einer starken Enquete-Kommission zur Erarbeitung einer Grundsatzstrategie gegen sexuelle Gewalt im Netz beschließen sollte, sowie eine gesetzlich verankerte umfassende Berichtspflicht des Amtes einer/eines Missbrauchsbeauftragten gegenüber Bundestag, Bundesregierung und Bundesrat.

 Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs: „Für den Betroffenenrat sind die Zwischenergebnisse des Nationalen Rates eine wichtige Bestandsaufnahme und Bündelung von konkreten nächsten Schritten. Über 35 Jahre ehrenamtliches und professionelles Engagement, insbesondere in Fachberatungsstellen, aber auch die vergangenen elf Jahre haben gezeigt, dass der Kampf gegen sexualisierte Gewalt und ihre Folgen nur gelingen kann, wenn klare und kontinuierlich finanzierte Rahmenbedingungen geschaffen werden. Im Mittelpunkt des Handelns müssen zwingend die Beteiligung und die Bedarfe von Betroffenen stehen. Notwendig sind der konsequente Ausbau von spezialisierten Fachberatungsstellen, die umfassende Implementierung von Kinderrechten sowie die inhaltliche Verankerung spezifischer Aspekte des Kinder- und Jugendschutzes -  in allen Bereichen der Gesellschaft. Alle Bundesländer sind gefordert, spezielle Strukturen gegen sexualisierte Gewalt zu schaffen. Unser gemeinsames Ziel ist die längst überfällige gesamtgesellschaftliche Verantwortungsübernahme, denn alle Betroffenen haben unabhängig vom Tatkontext das Recht auf Schutz und Aufarbeitung, Unterstützung und Hilfen."
 

Bundespräsident würdigt Nationalen Rat
Eine besondere Würdigung erhält der Nationale Rat heute durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Dieser hat Bundesfamilienministerin Lambrecht und den Unabhängigen Beauftragten Rörig gemeinsam mit Mitgliedern des Nationalen Rates, darunter auch mitwirkende Betroffene, zu einem Gespräch ins Schloss Bellevue eingeladen. Lambrecht und Rörig bewerten diese Würdigung als sehr starkes Signal für Politik und Gesellschaft. Beide betonen: „Ein erfolgreicher Kampf gegen sexuellen Missbrauch braucht das Interesse und die Unterstützung der gesamten Gesellschaft, der gesamten Politik, auch der politischen Spitzen unseres Landes.“

Kernpunkte der Gemeinsamen Verständigung im Überblick: 

1.    Weiterer Ausbau von Schutzkonzepten und deren konsequente Anwendung
Schutzkonzepte sind für Einrichtungen und Organisationen, die Kinder und Jugendliche betreuen, zentral, um sie vor sexueller Gewalt zu schützen und Aufdeckung von Gewalttaten zu fördern. Daher hat der Nationale Rat über die Gelingensbedingungen (insbes. gute Rahmenbedingungen, Qualifizierung, Partizipation und Vernetzung) beraten. Die Länder bekräftigen diese Anstrengungen mit einem Beschluss zur Umsetzung von Schutzkonzepten in Schulen.

2.    Vernetzte Hilfen für Unterstützung von Betroffenen
Die Kompetenzen unterschiedlicher Berufsgruppen spielen bei Aufdeckung sexualisierter Gewalt und zur wirksamen Hilfe eine wichtige Rolle. Die Systeme der Kinder- und Jugendhilfe sowie des Gesundheitswesens und der Sozialen Entschädigung müssen gut zusammenarbeiten und Kinder und mögliche Gewaltkontexte mit geschultem Blick betrachten. Die verbesserte Qualifizierung und Vernetzung dieser Akteure sollen dazu dienen, Gefahren für Kinder schneller zu erkennen und entsprechend zu helfen. 
 
3.    Kindgerechte gerichtliche Verfahren qualifizieren Entscheidungen 
Der Nationale Rat möchte die Rahmenbedingungen für Vernehmungen und Anhörungen im familiengerichtlichen und im Strafverfahren verbessern. Dazu wurden Praxishilfen für kindgerechte Verfahren entwickelt. Die Länder bekräftigen diese Anstrengungen mit einem Beschluss zur besseren Umsetzung der Videovernehmung.

4.    Schutz vor Ausbeutung und internationale Kooperation
Der Nationale Rat verfolgt das Ziel, die Identifizierung von minderjährigen Betroffenen des Menschenhandels strukturell zu befördern. Außerdem sollen spezifische Hilfen, wie bedarfsgerechte Unterbringungsangebote, verbessert und die Zusammenarbeit von Fachkräften gestärkt werden. Die neue Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz soll mit dem Nationalen Rat Schutzkonzepte für den digitalen Raum erarbeiten, um Kinder und Jugendliche besser vor sexueller Ausbeutung zu schützen. Zur organisierten und rituellen Gewalt sollen Maßnahmen zur Aufklärung und Sensibilisierung vorangebracht werden.

5.    Leitlinien für die Konzeption von Häufigkeitsforschung zu (sexueller) Gewalt
Der Nationale Rat hat den Bedarf für eine verbesserte Datengrundlage zu Ausmaß und Erscheinungsformen sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche identifiziert und sich auf konkrete Leitlinien für die Konzeption von Häufigkeitsforschung verständigt. Sie sollen helfen, mehr Wissen über sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zu generieren. Das ist die Grundlage guter politischer Entscheidungen.

Über den Nationalen Rat
Dem Nationalen Rat gehören Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Wissenschaft, Betroffene sowie Verantwortliche aus der Zivilgesellschaft und der Fachpraxis an. Das Gremium auf Spitzenebene und fünf thematische Arbeitsgruppen umfassen insgesamt etwa 300 Mitwirkende. Sie alle wollen das bestehende Ausmaß an sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche nicht hinnehmen und haben sich zum gemeinsamen Ziel gesetzt, sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und deren Folgen dauerhaft entgegenzuwirken. Seit der Konstituierung des Nationalen Rates am 2. Dezember 2019 durch das Bundesfamilienministerium und den Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs hat der Nationale Rat in fünf thematischen Arbeitsgruppen getagt: Schutz, Hilfen, Kindgerechte Justiz, Schutz vor Ausbeutung und internationale Kooperation sowie Forschung und Wissenschaft. 

Weitere Informationen unter: www.nationaler-rat.de

Pressemitteilung: Nationaler Rat gg. sexuelle Gewalt an Kindern legt erste Ergebnisse vor

Pressemitteilung: Nationaler Rat gg. sexuelle Gewalt an Kindern legt erste Ergebnisse vor

Download (PDF, 0.2 MB, nicht barrierefrei)

Gemeinsame Verständigung Nationaler Rat Juni 2021

Download (PDF, 1.0 MB, barrierefrei)

BMin Lambrecht, Rörig, Howard - Vorstellung Gemeinsame Verständigung Nationaler Rat

Download (JPG, 0.4 MB, Bild zur freien Verfügung)

Rörig - Vorstellung Gemeinsame Verständigung Nationaler Rat

Download (JPG, 0.4 MB, Bild zur freien Verfügung)

BMin Lambrecht - Vorstellung Gemeinsame Verständigung Nationaler Rat

Download (JPG, 0.4 MB, Bild zur freien Verfügung)

Howard, Mitglied Betroffenenrat - Vorstellung Gemeinsame Verständigung Nationaler Rat

Download (JPG, 0.5 MB, Bild zur freien Verfügung)

Pressekontakt

Friederike Beck
Pressesprecherin
Telefon: +49 (0)30 18555-1554
Fax: +49 (0)30 18555-4 1554
E-Mail: Friederike.Beck(at)ubskm.bund.de

Stefan Frohloff
Stellv. Pressesprecher
Telefon: +49 (0)30 18555-1565
Fax: +49 (0)30 18555-4 1565
E-Mail: stefan.frohloff(at)ubskm.bund.de

Sie befinden sich hier: