12 Tipps für eine sensible Berichterstattung über Betroffene sexueller Gewalt

Sexuelle Gewalt hat viele Formen. Sie kann in Familien, in Kitas, Schulen, Sportvereinen oder Glaubensgemeinschaften, in ritualisierter Form oder in digitalen Medien, in Partnerschaften, als Kriegswaffe, im Arbeitsumfeld, im Nachtleben und in vielen weiteren Zusammenhängen auftreten. Mindestens ebenso vielfältig sind die Formen der Übergriffe. Sie erstrecken sich von physischer bis zu psychischer Gewalt. Wie Betroffene letztlich das Erlebte verarbeiten und welche Folgen sie davon tragen ist von Person zu Person unterschiedlich.

Und so lässt sich nur eine Sache an dieser Stelle pauschal formulieren: Sexuelle Gewalt ist – egal in welcher Form – ein einschneidendes Erlebnis für die Betroffenen. Dadurch ergibt sich für Journalist*innen eine besondere Verantwortung zur sensiblen Berichterstattung – um Betroffene zu schützen. Das bedeutet nicht nur ein einfühlsames Vorgehen während des Interviews, auch die Vor- und Nachbereitung kann in solchen Fällen intensiver ausfallen als bei anderen Recherchen.

I. Die Vorbereitung


1. Grundlegendes Wissen über sexuelle Gewalt und die Folgen ist essentiell.

Einer der ersten Schritte in der Berichterstattung über sexuelle Gewalt sollte sein, sich Wissen zur Thematik anzueignen. Welche Formen der Gewaltausübung gibt es und wie unterscheiden sich diese? Welche (psychischen) Folgen können diese für Betroffene haben? Wie zeigen sich diese Folgen im Alltag? Wenn Journalist*innen die Antworten kennen, ist das eine gute Grundlage, um mit einer angemessenen Sensibilität den besonderen Bedürfnissen der Gesprächspartner*innen gerecht zu werden. Wer viel zum Thema sexuelle Gewalt arbeitet und recherchiert, sollte Kenntnisse dazu als grundlegendes Fachwissen verstehen – ähnlich wie es bei Wirtschaftsjournalist*innen mit Grund-lagen in Volkswirtschaftslehre oder bei Sportreporter*innen mit den Spielregeln verschiedener Sportarten gehandhabt wird. Natürlich lässt sich Theorie selten 1:1 in Praxis übertragen. Aber ein Grundstock an Wissen hilft sehr dabei, die eigene Sensibilität zu schärfen.


2. Es ist nicht irrelevant, wer das Interview führt.

Nicht jede*r Journalist*in eignet sich für ein Interview mit Betroffenen sexueller Gewalt – und zwar unabhängig davon, wie gut die fachlichen Kenntnisse zur Thematik sind. War der Täter zum Beispiel männlich, kann es sein, dass Betroffene eine nicht-männliche Person für ein Interview vorziehen. Auch andere Faktoren wie die eigene kulturelle Zugehörigkeit oder Sprachkenntnisse sind nicht unerheblich. Es bietet sich an, darüber offen im Vorfeld zu sprechen und die Gesprächspartner*innen zu fragen, ob sie sich mit einer anderen Person möglicherweise wohler fühlen würden.


3. Die Wortwahl spielt eine wichtige Rolle. 

Neben einer gewissen theoretischen Basis zur Thematik sollten sich Journalist*innen im Vorfeld auch Gedanken zur Kommunikation machen. Denn nicht nur im finalen Bericht spielt die Wortwahl eine wichtige Rolle – auch schon in der Kontaktaufnahme im Vorfeld des Interviews. Viele Betroffene lehnen es beispielsweise ab, als „Opfer“ bezeichnet zu werden. Manche ziehen den Begriff „Überlebende“ vor. Auch die Art und Weise, wie die Gewalttaten bezeichnet werden, sollte gut überlegt sein. Im Zusammenhang mit sexueller Gewalt von „Sex“ zu schreiben oder zu sprechen gilt beispielsweise als problematisch.


4. Es gibt einen Unterschied zwischen bestärkender Ermutigung und belastender Hartnäckigkeit. 

Journalist*innen geraten in ihrer Arbeit immer wieder in die Situation, ihre Gesprächspartner*innen zu Interviews ermutigen zu müssen. Schließlich fühlt sich nicht jede Person in der Öffentlichkeit wohl. Doch was bei unverfänglicheren Themen zum Arbeitsalltag gehört, sollte im Umgang mit Betroffenen sexueller Gewalt sehr feinfühlig eingesetzt werden. Das offene Gespräch über ein derartiges Ereignis kann sie stark belasten. Interviewabsagen sollten in diesem Zusammenhang akzeptiert werden. 


5. Gesprächspartner*innen im Vorfeld so viel Entscheidungsgewalt wie möglich geben. 

Sexuelle Gewalt kann Betroffene mit einer Traumatisierung zurücklassen, weil die Gewaltakte oft mit einem Gefühl der Ohnmacht und des Kontrollverlusts einhergehen. Deshalb sollten Betroffene im Vorfeld über den Ort und den Zeitpunkt des Gesprächs, mögliche Begleitpersonen, sowie über inhaltliche No-Go’s und Stopp-Zeichen entscheiden können. Auch ist es hilfreich, die weiteren Schritte durchzugehen: Wie wird die Publikation letztlich aussehen? Wann ist mit der Veröffentlichung zu rechnen? Welche Beiträge können Betroffene autorisieren? So können Betroffene besser abschätzen, worauf sie sich einlassen und gewinnen an Sicherheit.


6. Die Balance zwischen Empathie und journalistischer Distanz halten. 

Im Zusammenhang mit der Berichterstattung über sexuelle Gewalt ist eine besondere Empathie und Sensibilität erforderlich. Trotzdem müssen Journalist*innen ihrer Rolle treu bleiben. Wer seinen Gesprächspartner*innen zu nahe kommt und möglicherweise Versprechungen über eine Besserung der Situation macht, kann Hoffnungen wecken, die im Nachhinein nicht erfüllt werden können.

II. Das Interview


7. Die Auswahl der Interviewfragen selbstkritisch hinterfragen. 

Manche Fragen sind für Journalist*innen zwar besonders interessant, können für Betroffene aber eine schwere emotionale Belastung darstellen. Direkte Fragen zum Ereignis selbst können bei traumatisierten Personen Flashbacks (das Wiedererleben des Traumaereignisses) auslösen. Auch Retraumatisierungen sind nicht ausgeschlossen, die wiederum langfristig belasten können. Bei Fragen nach dem „Warum“ sollten sich Journalist*innen klar darüber sein, dass sie damit mitunter eine Mit-Verantwortung der Betroffenen für das Geschehene implizieren können. Auch die Frage "Wie geht es Ihnen?" gehört zu den Interviewfragen, die zwar naheliegend erscheinen, aber auf Betroffene belastend wirken können. Nicht nur, weil sie sehr klischeebehaftet ist, sondern weil sie Emotionen provoziert. Für viele Betroffene fühlt sich eine solche Frage unangebracht an.


8. Aufmerksames Zuhören ist einer der wichtigsten Aspekte. 

Wenn Betroffene von ihren Erfahrungen mit sexueller Gewalt erzählen, sind die Reaktionen des Gegenübers nicht unerheblich. Journalist*innen sollten in erster Linie sehr aufmerksam zuhören. Denn Deadlines oder der Druck eine besonders packende Story aufschreiben zu wollen, können dazu führen, dass man unkonzentriert ist oder sich auf einzelne emotionale Aussagen stürzt. Ein solches Verhalten kann das Vertrauen von Betroffenen verletzen. Zudem ist es wichtig, wie Journalist*innen auf das Gesagte reagieren. Skepsis bei Aussagen, die möglicherweise unlogisch erscheinen, oder überschwängliche Emotionen sollten vermieden werden.


9. In emotionalen Momenten selbstsicher auftreten. 

Während eines solchen Interviews kann es zu emotionalen Momenten kommen. Wichtig ist, dass Journalist*innen hierbei die Ruhe bewahren und nicht vorschnell handeln. Stattdessen können sie ihren Gesprächspartner*innen eine Pause anbieten. Dann heißt es abwarten, wie die betroffene Person weiter vorgehen will. Gerade in diesem Zusammenhang ist es wichtig, die Gesprächspartner*innen zum Ende des Interviews ins „hier und jetzt“ zurück zu bringen, indem das Gespräch auf Fragen gelenkt wird, die den Betroffenen ein Gefühl der Sicherheit geben. 

III. Die Nachbereitung


10. Gute Recherche und gewissenhaftes Arbeiten sind essentiell. 

Ein Schreibfehler im Namen, ein Zahlendreher im Alter, eine ungenaue Berufsbezeichnung, Fehler in den Verwandtschaftsverhältnissen – solche Fehler sind in der Regel ärgerlich. Bei derart sensiblen Themen können sie für Gesprächspartner*innen aber besonders verletzend sein, weil die Fehler schnell als mangelnde Wertschätzung interpretiert werden können. Manche Betroffene werden die Veröffentlichung ihrer Geschichte möglicherweise als Chance verstehen, das Erlebte zu verarbeiten, andere möchten das Interview nutzen, um Öffentlichkeit herzustellen oder politische Forderungen zu platzieren. Fehler suggerieren dann Irrelevanz und Austauschbarkeit. Das gilt auch für die Wortwahl: Journalist*innen müssen genau darauf achten, wie sie bestimmte Aspekte der Tat benennen und wie sie die Betroffenen innerhalb der Geschichte positionieren (Stichwort: Framing). Es kann an dieser Stelle hilfreich sein, den Gesprächspartner*innen den finalen Text, oder zumindest einige Fragmente vorab zur Verfügung zu stellen. So können faktische Fehler, wie auch unangebrachtes Framing vor Veröffentlichung korrigiert werden. Bei Interviews oder einzelnen Zitaten sollte ohnehin gelten, dass Betroffene diese zur Autorisierung erhalten.


11. Darauf achten, wie einzelne Aussagen interpretiert werden können. 

Es ist sinnvoll, sich vor der Veröffentlichung vor Augen zu halten, wie die Gesprächspartner*innen den finalen journalistischen Beitrag wahrnehmen könnten. Das bedeutet nicht, dass Journalist*innen gänzlich unkritisch und im Sinne ihrer Gesprächspartner*innen handeln sollten. Allerdings sollten sie vorsichtig sein, wenn beispielsweise impliziert werden könnte, dass Betroffene verantwortlich für das Geschehene sind (Stichwort: Victim Blaming).


12. Aussagen auf Relevanz prüfen. 

Es kommt vor, dass Betroffene sich Journalist*innen anvertrauen und private Details schildern, die ihnen im Nachhinein bei einer Veröffentlichung sehr unangenehm sein könnten. Journalist*innen sollten verantwortungsvoll mit solchen Informationen umgehen und sie im Zweifel nicht verwenden, wenn sie nicht essenziell zur Erzählung der Geschichte beitragen. Ebenso wenig sollten Journalist*innen die Aussagen zu stark zuspitzen, um mehr Aufmerksamkeit zu generieren. Clickbaiting und betroffenensensible Interviewführung schließen sich gegenseitig aus.

Recherchen und Interviews mit Betroffenen können auch für Journalist*innen belastend sein. Sollten Sie das Gefühl haben, dass Sie Unterstützung und Hilfe brauchen, können Sie sich an das bundesweite Hilfetelefon Sexueller Missbrauch (kostenfrei und anonym) wenden: 0800 – 22 55 530.


Last, but not least 

Bei dieser Art der Berichterstattung gibt es keine starren Regeln.

Die vorangegangenen zwölf Punkte können als Stütze zur Vorbereitung für derart sensible Themen genutzt werden. Sie sollten allerdings in keinem Fall als starres Regelwerk verstanden werden. Letztlich wird diese Art von Gesprächssituationen auch sehr stark von einer zwischenmenschlichen Ebene, dem aktuellen Gemütszustand der Betroffenen, dem Setting und dem Zeitpunkt des Interviews abhängen.

Deshalb ist es wichtig zu verstehen, dass solche Interviews trotz guter Vorbereitung selten perfekt ablaufen können. Es können und werden immer Fehler passieren. Aber darauf kommt es auch nicht an. Worauf es ankommt ist, dass Journalist*innen sich durch die intensive Vorbereitung ihrer besonderen Verantwortung bewusst sind – und dann emphatisch und sensibel in die Interviewsituation gehen.

Auf diese Weise können solche Gespräche nicht nur die Öffentlichkeit über sexuelle Gewalt aufklären, sondern auch für Betroffene bestärkend sein.

 


Marianna Deinyan ist freie Radio- und Online-Journalistin aus Köln sowie Radiomoderatorin beim WDR. Zu ihren Themen zählen Gesellschaft, Migration, (Pop-)Kultur und Constructive News. Durch ihr Bachelor- und Masterstudium hat sie zudem einen Fokus auf Traumasensible Berichterstattung.


 


Hinweis: Dieser Artikel ist in einer allgemein gefassten Form zuerst im Medienmagazin „journalist“ erschienen: https://www.journalist.de/startseite/detail/article/balance-zwischen-empathie-und-distanz 

Weitere Quellen:
https://dartcenter.org/content/reporting-on-sexual-violence
Coté, William/Simpson, Roger (Hrsg.): Covering Violence. A Guide to Ethical Reporting About Victims and Trauma. New York 2006 (2. Auflage).
Ochberg, Frank: A Primer on Covering Victims. In: Nieman Reports, 1996 (Jg. 50, Nr. 3), S. 21 – 26.

Weitere Informationen sowie Beratungs-, Hilfe- und Unterstützungsangebote:
www.beauftragter-missbrauch.de
Hilfetelefon Sexueller Missbrauch: 0800 – 22 55 530 (anonym und kostenfrei) | www.anrufen-hilft.de
www.hilfeportal-missbrauch.de
www.schule-gegen-sexuelle-gewalt.de | www.kein-raum-fuer-missbrauch.de | www.wissen-hilft-schützen.de 
www.kein-kind-alleine-lassen.de 

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Instagram: @missbrauchsbeauftagter

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12 Tipps für Interviews mit Betroffenen (für Journalist*innen)

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